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Der brasilianische Markt für organische Lebensmittel

   
     

Brasilien steht unter den Ländern mit den grössten Anbauflächen organischer Produkte an fünfter Stelle; die Produktpalette wird breiter und der Exportanteil nimmt rasch zu.

Es ist kaum zu übersehen, dass der ökologische Landbau in Brasilien immer wichtiger wird. Nach einer Schätzung des US-Landwirtschaftsministeriums "USDA" liegt das Wachstum bei jährlich 20%.
Damit steht Brasilien heute an fünfter Stelle unter den Ländern mit den grössten Anbauflächen organischer Produkte. Laut dem letzten Bericht der IFOAM "Internationale Vereinigung Biologischer Landbaubewegungen" sind es ca. 800.000 Hektar (0,23% der gesamten Anbaufläche des Landes).

Ausser Tropenfrüchten exportiert Brasilien Cashewnüsse, Honig, Gewürze und Kunsthandwerk - alles aus organischer Herstellung

Ausser Tropenfrüchten exportiert Brasilien Cashewnüsse, Honig, Gewürze und Kunsthandwerk - alles aus organischer Herstellung

In Südamerika bleibt Brasilien damit nur hinter Argentinien zurück, wo die Anbaufläche 2,8 Millionen Hektar beträgt. Während in Argentinien jedoch die gesamte landwirtschaftlich nutzbare Fläche erschöpft ist, besitzt Brasilien immer noch 90 Millionen Hektar bebaubares Land an Standorten, wo keinerlei Ökosystem bedroht ist.
Aus einer im Jahr 1999 vorgenommenen und Anfang des laufenden Jahres von der Entwicklungsbank BNDES veröffentlichten Erhebung des brasilianischen Instituts für Biodynamik "IBD" geht hervor, dass sich die Umsätze in der organischen Landwirtschaft auf jährlich US$ 220,00 bis 300 Millionen belaufen. Die meisten zertifizierten Landwirte, nämlich etwa 2.400, sind im Bundesland Paraná tätig, gefolgt von Rio Grande do Sul mit 800, São Paulo mit 600 und Rio de Janeiro mit 120 Landwirten.
Ein erheblicher Anteil der Gesamtproduktion ist für den Auslandsmarkt bestimmt. Insgesamt sind etwa 10% der Produktion für den deutschen Markt bestimmt. Das Unternehmen Café Mogi beispielsweise erzeugt jährlich 100 Tonnen organischen Kaffee, wovon 98% in die USA, nach Kanada und nach Singapur exportiert werden.
Der Gesamtwert der brasilianischen Exporte organischer Lebensmittel ist jedoch weithin unbekannt, da die brasilianischen Sanitärbehörden und einschlägigen Ämter, wie die Aussenhandelskammer des Wirtschaftsministeriums oder das Ministerium für Landwirtschaft, Viehzucht und Versorgung in ihren Exportaufstellungen organische Lebensmittel nicht gegen herkömmliche ausweisen.

Die wichtigsten Produkte und der Markt
Die ökologische Landwirtschaft in Brasilien ist recht vielseitig. Auf kleinen, weit verstreuten Anbauflächen werden die verschiedensten Kulturen angebaut. Einige erfreuen sich allerdings besonderer Beliebtheit.
Dabei handelt es sich vor allem um Tropenfrüchte, wie Açaí, Acerola, Bananen, Cashew, Kokosnüsse, Guaven, Papayas, Mangos, Maracujas und Melonen, bei denen Brasilien unangefochten marktführend ist und über gute Verhandlungsgrundlagen verfügt. Ausser diesem Obst exportiert Brasilien heute u.a. Bananenprodukte, Maniokstärke, Cashew, Adzukibohnen, Sesam, Gewürze (Zimt, Gewürznelken, Pfeffer und Guaraná) sowie ätherische Öle (als Essenzen für Lebensmittel und Kosmetika). Auch für den Export von ökologisch erzeugtem Fleisch und Zuckerrohrschnaps laufen Projekte.
Ebenfalls beachtlich ist der Anbau von Zuckerrohr (zur Erzeugung von organischem Zucker), Palmherzen, Gemüse, Mais und Sojabohnen. Der Anbau von Sojabohnen wird besonders durch die wachsende Nachfrage in Japan und Europa angetrieben.
Zu Beginn des laufenden Halbjahres besuchten Vertreter japanischer Behörden mehrere landwirtschaftliche Betriebe in Brasilien mit dem Ziel, den Handelsaustausch zwischen beiden Ländern zu fördern und über die Bestimmungen zur Verleihung des "JAS - Zertifikat zur Einführung ausländischer Erzeugnisse nach Japan" zu informieren. Die japanischen Importeure interessieren sich für Bananen, Kaffee, Sojabohnen und verarbeitete Produkte wie Orangensaft.

In Europa tragen die Sorgen der Verbraucher und die Tatsache, dass in Brasilien nach wie vor nicht mit genetisch veränderten Organismen experimentiert wird, dazu bei, dass sich ökologisch angebaute Produkte aus Brasilien zunehmend gut verkaufen.
Auf dem Binnenmarkt werden organische Produkte hauptsächlich auf spezialisierten Märkten verkauft. So findet z.B. in São Paulo an jedem Samstag in Água-Branca-Park ein Markt für organische Lebensmittel statt. Der Markt wird vom Verband für Organische Landwirtschaft "Associação de Agricultura Orgânica - AOO" veranstaltet, der auch Zertifikate für organische Produkte ausstellt. Weitere Vertriebsstellen sind die vielerorts bestehenden Fachgeschäfte, besondern in grossen Städten wie São Paulo, Rio de Janeiro und Belo Horizonte.
Am einfachsten zu erreichen sind potentielle Verbraucher allerdings über die Supermärkte. Ein Beispiel dafür ist die französische Kette Carrefour, die nicht nur Gemüse, Obst und Zucker von EBD-zertifizierten Genossenschaften und Lieferanten vertreibt, sondern seit zwei Jahren auch in einen eigenen Anbau organischer Weintrauben im São-Francisco-Tal (im Nordosten Brasiliens) investiert. Dort werden jährlich 2.500 Tonnen erzeugt, 30% davon gehen in die Regale sämtlicher Läden der Kette in Brasilien, 70% sind für den Export in Länder wie England, Schweden und Frankreich bestimmt.
"Die Nachfrage nach organischen Produkten wächst in unseren Läden jährlich um ca.20%, aber noch ist es aus technologischen Gründen nicht möglich, sie billiger anzubieten", erklärt der Geschäftsleiter für landwirtschaftliche Erzeugnisse der Kette, Arnaldo Eijsink.
Diese Schwierigkeiten wird auch von den Fachleuten der Entwicklungsbank BNDES bestätigt. Laut dem Bericht der Institution liegt der Preisunterschied zwischen herkömmlichen und organischen Produkten in Brasilien bei bis zu 30% - das wirkt auf viele Verbraucher abschreckend.
Einer der Hauptgründe liegt in den Kosten für die Zertifizierung. Die von landwirtschaftlichen Genossenschaften angebotene Alternativzertifizierung ist ein Weg zur Kostensenkung - sie gilt aber nur für die Lokalmärkte. Für den Verkauf auf ausländischen Märkten werden international anerkannte Zertifikate benötigt, deren Aussteller sich ihre Dienste in Auslandswährung wie Euro, Yen oder Dollar bezahlen lassen.
Laut Clayton Campanhola von der Embrapa Meiro Ambiente "Empresa Brasileira de Pesquisa Agropecuária - Brasilianisches Landwirtschafts- und Umweltforschungsunternehmen" liegt das grösste Hindernis in der Vermarktung. "Der Zugang der Kleinbauern - zu denen die meisten Erzeuger organischer Produkte gehören - zu den grossen Supermarktketten ist nach wie vor stark vom Zwischenhandel abhängig. Ihr Produktionsumfang ist recht gering, daher fällt es ihnen schwer, die wichtigsten Abnehmer mit regelmässigen Beständen zu versehen", erklärt er. Er schlägt die Bildung von mehr Erzeugergenossenschaften vor.
Eine weitere von Campanhola herausgestellte Schwierigkeit ist die Kreditknappheit für die ökologische Landwirtschaft.
Zur Zeit bietet PROAF - ein Programm der Bundesregierung zur Förderung des Kleinbauerntums - Finanzierungen an, aber nur für bereits zertifizierte Erzeuger. Für die Landwirte, die gerade auf ökologischen Anbau umstellen, sind keine Kredite verfügbar.
Ungeachtet der Kreditschwierigkeiten ist die Technologie im ökologischen Anbau in Brasilien recht weit fortgeschritten. Das ist auch den bedeutenden Forschungsinstitutionen, wie etwa der Embrapa und der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Instituto Agronômico in Campinas "IAC" im Bundesstaat São Paulo zu verdanken.
Ein Beispiel ist der Einsatz von Bioinsektiziden, also von Insekten oder Viren, die von Natur aus gewisse Schädlinge bekämpfen und die unter von Natur aus gewisse Schädlinge bekämpfen und die unter den Erzeugern organischer Produkte Anhänger finden. Auch die Verfahren zur Bodendesinfektion mit Hilfe von Solarenergie findet zunehmend Verbreitung. so muss nicht auf giftige Mittel wie etwa Methylbromid zurückgegriffen werden.
Eine noch nicht unveröffentlichte Studie von Embrapa Meio Ambiente hebt die Vorzüge der organischen Landwirtschaft hervor. Bei der Untersuchung von neun herkömmlichen und acht organischen landwirtschaftlichen Betrieben im Bundesstaat São Paulo hat sich herausgestellt, dass im Falle von Gemüsepflanzungen die Wasserqualität in den organisch betriebenen Unternehmen durchschnittlich etwa 33% besser ist als in den herkömmlichen.
Der Bericht weist auch darauf hin, dass die organische Landwirtschaft vergleichsweise arbeitskraftintensiver ist und daher der Einkommenskonzentration entgegenwirkt. Damit erhöht sich das Einkommen der Arbeiter, und den meisten unter ihnen wird dadurch eine Teilhaberschaft ermöglicht. Auch erhöht sich in den organischen Betrieben der Wert der Ländereien, und da das System imstande ist, an Hilfsmitteln wie etwa chemischen Pflanzenschutzmitteln zu sparen, werden mehr Mittel für den Einsatz neuer Technologien freigesetzt.
"Man könnte heute bereits die gesamte brasilianische Gemüseerzeugung auf das organische System umstellen, dabei das gleiche Niveau an Produktivität und Qualität erhalten und die Einnahmen der Hersteller verbessern", so Campanhola von Embrapa Meio Ambiente. Die verfügbaren Technologien müssten mehr Betriebe erreichen, und viele Landwirte müssten noch davon überzeugt werden, dass eine Produktion unter Verzicht auf Umweltbelastende Chemikalien sich wirtschaftlich trägt.

Zertifizierung
Es gibt heute in Brasilien noch keine bundesweit gültiges Siegel zum Ausweis organischer Produkte seitens des Landwirtschaftsministeriums. Der Erzeuger muss zum Qualitätsnachweis seiner Erzeugnisse auf Zertifizierungsunternehmen zurückgreifen. Für den Verkauf auf dem Weltmarkt müssen entsprechende Kriterien angesetzt werden.
Laut Fernando Souza, Vorsitzender des Verbands für zertifizierte organische Landwirtschaft "AECO - Associação do Agronegócio Certificado Orgânico" verteuert der Umstand, dass es nur private Zertifizierungsinstitutionen gibt, die Produktionskosten, insbesondere für kleinere Erzeuger. Von der BNDES erstellte Preistabellen zeigen, dass eine Tagesinspektion im Schnitt ca. R$ 120,00 kostet. Die Erstellung des technischen Gutachtens schwankt zwischen R$ 132,50 und R$ 1.000,00 eine Mitgliedschaft kann bis zu R$ 5.000,00 kosten.
Laut dem Amt für Landwirtschaftspolitik im Landwirtschaftsministerium sind die Zertifizierungsanstalten angewiesen, sich der Überwachung durch ein Gremium auf Bundesebene zu unterziehen. Dieses Gremium besteht aus jeweils fünf Vertretern der Regierung und von Nichtregierungsorganisationen. Jedoch ist bisher weder für die Einrichtung und Inkraftsetzung dieses Systems noch für die Schaffung eines bundesweiten Zertifikats ein Termin angesetzt.

Die Tatsache, dass in Brasilien nach wie vor nicht mit genetisch veränderten Organismen experimentiert wird, trägt zum Wachstum des Biolandbaus bei

Die Tatsache, dass in Brasilien nach wie vor nicht mit genetisch veränderten Organismen experimentiert wird, trägt zum Wachstum des Biolandbaus bei

Auszug aus: "Brasil - Alemanha" ANO 11 N°1" - Cíntia Cardoso
Copyright © AHK-São Paulo - Câmara de Comércio e Indústria Brasil-Alemanha 2003

 

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