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Logistik in Brasilien

   
     

Wer nach dem Stand der Logistik in Brasilien fragt, bekommt als Antwort häufig Auskunft über Dinge wie Verkehrsträgeranteile, die Grösse der LKW-Flotte oder Länge und Zustand des Strassennetzes. Auch dies sagt etwas über Logistik in Brasilien aus, wovon gleich noch die Rede sein wird.

LogistikDie richtige Ware zur richtigen Zeit in der richtigen Menge am richtigen Ort - diese populäre Umschreibung der Aufgaben der Logistik klingt zunächst einfach. Aber: Die "richtige Ware" heisst eben auch, dass beispielsweise bei Ersatzteilen der richtige Änderungsstatus geliefert wird oder dass Medikamentenchargen lückenlos bis zum "Point of sale" verfolgt werden können, "zur richtigen Zeit" bedeutet, dass die Logistik dafür sorgen muss, dass die Lieferanten eine Automobilherstellers ihre nationale Produktion so rechzeitig aufnehmen, dass der Produktionsstart nicht gefährdet wird. Dies wiederum erfordert eine enge Verzahnung mit Qualitätsmanagement und Entwicklung für Werkzeugfreigaben usf. Kurz: Logistik ist erheblich mehr als Transport und Lagerung.

Deswegen ist es eingangs wichtig, sich die Evolution der Logistik als Unternehmensdisziplin in den führenden Wirtschaftsnationen vor Augen zu führen: Zu Beginn der siebziger Jahre wurde die Logistik in die Unternehmenspraxis als eigenständige Disziplin eingeführt. Logistiker waren - salopp formuliert - damals diejenigen, die wussten, wieviele Paletten auf eine LKW passen und konnten auch ein Lager dimensionieren. Aber schnell wurde klar, dass es keinen Sinn macht, kathedralartige Lagermaschinen zu bauen, nur weil Produktions- und Vertriebsplanung nicht aufeinander abgestimmt sind. Logistik wurde zu einer Querschnittsfunktion innerhalb des Unternehmens. In den neunziger Jahren entwickelte die Logistik Methodiken für die Steuerung kompletter Unternehmensübergreifender Prozessketten und heute steuert die Logistik globale Beschaffungs-, Produktions- und Distributionsnetzwerke unter Einbeziehung von Produktentwicklung und Qualitätsmanagement.

Beim Blick auf den Stand der Entwicklung der Logistik in Brasilien fallen vor diesem Hintergrund einige Besonderheiten auf:

  • Logistik ist in den meisten produzierenden Unternehmen Brasiliens als eigenständige Unternehmensfunktion vertreten. Ihr Verantwortungsbereich ist jedoch in der Regel geringer als in Nordamerika oder Europa.

  • Fortgeschrittene logistische Konzepte mit Überschriften wie SCM, JIT oder ECR haben Brasilien längst erreicht. Aber der Anteil der Unternehmen, die diese Konzepte praktizieren, ist gering. So wird ECR im Sinne einer übergreifenden Lieferkettenoptimierung nur von wenigen Konsumgüterherstellern mit wenigen Handelsketten praktiziert. Und in der Automobilindustrie gibt es zwar nennenswerte Teileumfänge, die just-in-time angeliefert werden, aber die Feinabrufe finden häufig nur im Wochenrhythmus oder gar 14-tägig statt, während beispielsweise in Europa eine tägliche Aktualisierung Standard ist.

  • Die Gesetzgebung erschwert effiziente logistische Lösungen. So muss beispielsweise bei intermodalen Transporten bei jedem Verkehrsträgerwechsel eine neue Rechnung ausgestellt werden. Kumulative Steuern erschweren die Realisierung fortschrittlicher Lösungen bei der Fremdvergabe logistischer Dienstleistungen.

  • Es gibt keine transnationalen Stückgutnetzwerke mit täglichen Abfahrten.

  • Der vorgenannte Punkt ist auch darauf zurückzuführen, dass die am Markt vertretenen Transportunternehmen recht klein sind. Es gibt nur zwei Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als umgerechnet US$ 100 Millionen pro Jahr - und dies sind ausgerechnet Spezialfirmen für gepanzerte Geldtransporte. Fast alle grossen multinationalen Logistikdienstleister sind auch in Brasilien vertreten, allerdings mit im Vergleich zu den Heimatmärkten geringem Volumen an Aktivitäten.

  • Die Verluste durch Überfälle auf LKW, aber auch Binnenschiffe und Flugzeuge sind hoch. Hochwertige Güter wie Medikamente, Zigaretten und sogar Schokolade werden auf der Strasse mit Eskorte transportiert. Schwerbewaffnete Baden nutzen daher gerne die "Economies of scale" und überfallen mit mehreren dutzend Mitgliedern gleich die Lagerhäuser.

  • Bestechung von Entscheidungsträgern für die Vergabe logistischer Dienstleistungen ist kein spezifisch brasilianisches Phänomen. Dennoch ist es ratsam, hier vor Ort der Prävention - in Gestalt von intelligenten Ausschreibungs- und Abrechnungsverfahren - ein besonderes Augenmerk zu widmen.

  • Die Interessenvertretung im Transportgewerbe lässt in ihrer Vehemenz selbst unsere französischen Nachbarn als zahm erscheinen. Auseinandersetzungen wie in der Fertigfahrzeugdistribution, als Autos von Maschinengewehrsalven zerfetzt wurden und Bombenanschläge auf Entscheidungsträger in den Transportabteilungen durchgeführt wurden sind sicherlich extreme Einzelfälle, aber zumindest ist bei jedem grösseren Streik mit Toten und Verletzten zu rechnen.

Verkehrsinfrastruktur

  • Der gern zitierte allgemein schlechte Strassenzustand sollte nicht überbewertet werden und eher als Kostenfaktor - weil verschleisserhöhend - betrachtet werden. Gravierender ist die zeitweise Nichtpassierbarkeit wichtiger Streckenabschnitte nach Unwettern, beispielsweise in Folge von Unterspülungen.

  • Die Privatisierung des Schienennetzes hat bislang nicht die erhofften Investionen  in eine Verbesserung der Infrastruktur nach sich gezogen. Die privaten Betreiber ziehen es bislang in der Regel vor, ihre Quasi-Monopole auf bestimmten Routen z.B. für den Erztransport auszunutzen. Wegen der immensen Kostenvorteile der Schiene auf langen Distanzen bei gleichzeitiger Erhöhung des Aufkommens auf Langstrecken in Folge der Dezentralisierung der Industrieaktivität sowie des Zusammenwachsens im Mercosur sind die Potentiale aber so hoch, dass mittelfristig mit einer erheblichen Verbesserung zu rechnen ist. Das brasilianische Transportministerium geht in einer Prognose sogar von einer Verringerung des Anteils des Strassentransporte von rund 2/3 am gesamten Verkaufsaufkommen heute auf weniger als 1/6 bis zum Jahre 2015 aus.

  • Die Hafeninfrastruktur ist sicherlich noch ein Hemmnis, aber im Ausbau befindlich. Zum Ausbau der vorhandenen Seehäfen gesellen sich neue Projekte wie die Häfen von Sepetiba und Suape.

Bei alledem gilt aber: Die Voraussetzungen mögen in Brasilien andere sein. Trotzdem haben führende Unternehmen in Brasilien die gleichen Anforderungen hinsichtlich von Leistungsindikatoren wie Liefertreue, Programmtreue, Liefergenauigkeit etc. wie in Nordamerika, Japan oder Europa. Und sie erreichen ihre Ziele. Allerdings ist die Logistik in Brasilien in Planung und Management von komplexen Logistikprojekten stärker gefordert, beispielsweise durch einen höheren Aufwand für Lieferantenqualifizierung, eine genauere Prüfung der steuerlichen Konsequenzen alternativer Distributionsmodelle etc. Die geschilderte Situation beinhaltet eine besondere Chance für qualifizierte Logistikdienstleister, sich im brasilianischen Markt zu etablieren.

Auszug aus "Investitionshandbuch Brasilien 2001" - 3.überarbeitete und erweiterte Auflage - Copyright © AHK-São Paulo - Câmara de Comércio e Indústria Brasil-Alemanha 2001/2002

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