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"Europa hat unermesslich
mehr Tradition und weniger Zukunft, Brasilien weniger Vergangenheit
und mehr Zukunft!"
Stefan Zweig
Brasilien ist eine föderative Republik
mit 27 Bundesstaaten und einem Bundesdistrikt, von denen jeder eine
eigene Legislative hat. Da die Bundesregierung eine enorme Kontrolle
über die Wirtschaft ausübt, ist die politische Autonomie der einzelnen
Bundesländer sehr eingeschränkt. An der Spitze der Regierung steht
der Präsident, der grosse Machtbefugnisse hat und sogar eine stärkere
Kontrolle über die Nation ausübt als der Präsident der Vereinigten
Staaten von Amerika. Die Legislative
der Bundesregierung stellt der Kongress dar, der sich aus einem Unterhaus,
der Abgeordnetenkammer, und einem Oberhaus, dem Senat, zusammensetzt.
Brasilien ist kein Agrarland mehr, Vieh- und Agrarwirtschaft machen
nur noch 10% des Bruttoinlandsprodukts aus. Gegenüber dem weiterhin
starken Dienstleistungsfaktor wächst der Industriebereich ständig.
Führend sind die Sektoren Metallverarbeitung, Maschinen- und Transportfahrzeugbau,
Chemie, Schuh- und Lederwarenproduktion, Papier und Zellulose, Textilien
sowie elektronische Erzeugnisse. 67% der Exportprodukte sind Industrieerzeugnisse,
dennoch ist die Handelsbilanz Brasiliens seit 1996 wieder leicht
negativ. Trotz der Ausrichtung der Agrarwirtschaft auf Exportprodukte
hat sich die Anbaufläche für Grundnahrungsmittel seit 1970 um 30%
vergrössert. Gleichzeitig ist jedoch die Bevölkerung überproportional
um 55% angewachsen. Selbst diese Diskrepanz liesse sich noch ausgleichen,
gäbe es eine gerechtere Verteilung und vor allem eine grössere Kaufkraft
der ärmeren Schichten.
Die Krise von 1980 signalisierte das Ende der brasilianischen Importsubstitutionspolitik,
die sich zur Stimulierung der Industrie auf Einfuhrverbote für bestimmte
Waren gestützt hatte, und trug zur Öffnung der Wirtschaft des Landes
bei. Anfang der 90er Jahre führte Brasilien eine Reihe weitreichender
Wirtschaftsreformen durch. Sie umfassten eine strikte Finanzpolitik,
Steuerreformen, eine Liberalisierung des Handels und Deregulierung,
die Privatisierung staatlicher Unternehmen und die Schaffung eines
gesetzlichen und strukturellen, für neue und grössere Auslandsinvestitionen
attraktiven Rahmens. Infolge der Reformmassnahmen hat sich Brasilien
zu einem der liberalsten Wirtschaftssysteme der Welt entwickelt,
in dem keine quantitativen Importbeschränkungen mehr bestehen. Der
durchschnittliche Zolltarif reduzierte sich von 32% im Jahre 1990
auf 12% 1997.
Mit einer Reihe von Wirtschaftsplänen und Währungsreformen versuchten
die wechselnden Regierungen vergeblich, den Teufelskreis aus Preissteigerungen
und Währungsverfall zu durchbrechen. Erst dem damaligen Finanzminister
Fernando Henrique Cardoso gelang es im März 1994, mit dem "Plano
Real" eine solide Grundlage für beständiges Wirtschaftswachstum
und Preisstabilität zu schaffen. Von Beginn an zeigte der "Plano
Real" seine Wirkung: Die Inflation sank von monatlich 50% (Juni
1994) auf unter 2% im Jahresdurchschnitt, bei gleichzeitig deutlichem
Wirtschaftswachstum. Zum ersten Mal seit vielen Jahren konnten gerade
auch die ärmeren Brasilianer über ein steigendes Realeinkommen verfügen.
Der Erfolg des "Plano Real" verhalf Fernando Henrique
Cardoso bei der Präsidentschaftswahl im Oktober 1994 zu einem klaren
Sieg. Der Präsident trat sein Amt mit einem ambitiösen Reformprogramm
an. Ökonomische Öffnung und weitere Liberalisierung der Wirtschaft,
Sanierung der öffentlichen Finanzen und breit angelegte soziale
Verbesserungen waren die Schwerpunkte.
Die Bilanz der ersten Amtsperiode von Präsident Fernando Henrique
Cardoso kann sich sehen lassen: Im Jahr 1998 sank die jährliche
Inflation auf unter 2%, der Anteil der Armen an der Gesamtbevölkerung
ging von 25% auf 12% deutlich zurück, das Wirtschaftswachstum betrug
2,8% (1996), 3,7% (1997) und 1,0% (1998) und erhebliche Ströme an
ausländischem Kapital flossen ins Land. Hatte der Umfang ausländischer
Direktinvestitionen 1991 lediglich bei einer Milliarde Dollar gelegen,
so waren 1998 insgesamt 20 Milliarden zu verzeichnen, wodurch Brasilien
gleich nach China zum weltweit zweitgrössten Standort für Direktinvestitionen
geworden war.
Doch dann löste die Asienkrise im Spätsommer 1998 ein weltweites
Erdbeben auf den Finanzmärkten aus, von dem auch Brasilien erfasst
wurde. Die Russland-Krise verstärkte das Misstrauen in die Schwellenländer,
das Kreditangebot drohte, sich in dramatischer Weise zu reduzieren,
die brasilianische Währung wurde zu einem der Hauptziele spekulativer
Attacken. Präsident Cardoso setzte eine Reihe von Massnahmen in Gang,
um die wirtschaftliche Stabilität des Landes zu sichern, den internationalen
Zahlungsverpflichtungen nachzukommen und das Vertrauen der Märkte
in Brasilien wiederherzustellen. Er drang auf rasche Umsetzung tiefgreifender
Reformen bei den Renten, den Steuern
und in der Verwaltung, um das Staatsdefizit
abzubauen und die Abhängigkeit Brasiliens vom Zufluss ausländischen
Kapitals zu reduzieren. Die schnelle Reaktion milderte die Auswirkungen
der Russlandkrise, so dass sich die Lage auf den internationalen
Finanzmärkten entspannte. Hätte Brasilien zu diesem Zeitpunkt nicht
so entschlossen gehandelt und seine Zahlungsfähigkeit aufrechterhalten,
hätte dem gesamten internationalen Finanzsystem möglicherweise ein
Kollaps gedroht.
Dennoch konnte der massive Abfluss ausländischen Kapitals aus Brasilien
nicht verhindert werden. Angesichts der Schwierigkeiten sah sich
das Land Ende Oktober 1998 gezwungen, den Internationalen Währungsfonds
um Hilfe zu bitten. In Absprache mit dem IWF wurde ein umfangreiches
Hilfspaket geschnürt, mit dem Brasilien den umfangreichen
Kapitalabfluss
kompensieren konnte.
Fernando Henrique Cardoso war Anfang Oktober 1998 erneut mit eindrucksvoller
Mehrheit für eine zweite Amtszeit (für die der Weg erst durch eine
Verfassungsreform geebnet wurde) zum Präsidenten gewählt worden.
Die Brasilianer gaben ihm ihre Stimme, um sicherzustellen, dass
der erfolgreiche Reform- und Modernisierungskurs auch in Zeiten
der Krise fortgesetzt wird, und so steht die zweite Amtszeit des
Präsidenten auch weiterhin unter dem Zeichen von Erneuerung und
Konsolidierung. Nicht nur wegen der mit dem IWF eingegangenen Verpflichtungen,
sondern auch in seinem ureigenen Interesse muss Brasilien das Staatsdefizit
abbauen und seine Leistungsbilanz verbessern.
Das Vertrauen in Brasiliens Finanzkraft wurde erschüttert,
als im Januar 1999 zu befürchten war, die
brasilianischen Bundesstaaten
würden ihren Zahlungsverpflichtungen gegenüber der Zentralregierung
nicht nachkommen. Der Real geriet unter starken Beschuss. Um diesen
Druck zu mildern, beschloss die Regierung, die seit 1994 praktizierte
strikte Wechselkurskontrolle zu lockern und den Real freizugeben.
Dies bewirkte zunächst eine Verdoppelung des zuvor geltenden Kurses.
Doch bald zeichnete sich ab, dass der wirtschaftspolitische Kurs
unbeirrt und konsequent weiterverfolgt werden würde. Um wieder mehr
Auslandskapital ins Land zu ziehen und die Inflationsgefahr zu bannen,
wurden die Zinsen drastisch erhöht. Der Wechselkurs des Real, der
vor der Krise bei 1,20 pro Dollar gelegen hatte, pendelte sich auf
den Finanzmärkten bei 1,80 ein. Auf Grund der veränderten Situation
erwies es sich als erforderlich, die IWF-Vereinbarung neu zu verhandeln
und die makroökonomischen Zielvorgaben zu revidieren.
Entgegen den pessimistischen Voraussagen, die von einer 3% bis 5%igen
Verringerung des BIP und einer erneuten Inflation von 17% ausgegangen
waren, zeigte die brasilianische Wirtschaft im Verlauf des Jahres
1999 ein weit günstigeres Erscheinungsbild. Die Rezession, die im
ersten Halbjahr zu verzeichnen war, ging zurück. Für das Jahr wurden
für das BIP ein Rückgang unter 1% und für die Inflation eine Rate
unter 8% verzeichnet. Das Leistungsbilanzdefizit, das 1998 mit 34
Milliarden Dollar zu beziffern war, lag 1999 bei nur wenig über
20 Milliarden Dollar, die fast vollständig durch Direktinvestitionen
ausgeglichen wurden. Diese unvermindert hohen Investitionen aus
dem Ausland sprechen für die Dynamik der brasilianischen Wirtschaft.
Der von der Zentralbank aufgestellte Leitzinssatz fiel von 45% gleich
nach der Freigabe des Real im Januar auf 19% im September. Mit einem
erwarteten Wirtschaftswachstum von 4% sind die Prognosen für das
Jahr 2000 noch günstiger.
Auf der Grundlage der wirtschaftlichen Erholung wird es möglich
sein, die im Sozialbereich gesteckten Entwicklungsziele zu erreichen,
d.h. den Arbeitsmarkt zu stärken und
die Bereiche Bildung,
Gesundheit und soziale Sicherheit gezielt zu fördern. Die Programme
im sozialen Bereich trotz des strikten Sparkurses weiterzuführen
und auszubauen, dies ist die grösste Herausforderung, der sich die
Regierung derzeit gegenüber sieht. Ausgeglichene öffentliche Haushalte
sind in der Tat Voraussetzung für wirtschaftliche Stabilität, für
Glaub- und Kreditwürdigkeit und damit für den Zufluss von Auslandskapital
und für Investitionen auch im Sozialbereich. So konzentriert sich
ein grosser Teil der Regierungsarbeit in der zweiten Amtsperiode
auf die Durchsetzung der Steuer- und Sozialversicherungsreform,
ohne die das öffentliche Defizit nicht abgebaut werden kann.
Andererseits hängt eine verbesserte Performance der brasilianischen
Wirtschaft weitgehend auch von der weltwirtschaftlichen Lage ab.
Dabei ist es entscheidend, dass sich die Wachstumstendenzen der
nordamerikanischen und der europäischen Wirtschaft fortsetzen und
dass brasilianischen Exporten ein besserer Marktzugang gewährt wird.
Dies könnte auch über eine Liberalisierung der Agrarmärkte erfolgen,
die Gegenstand der kommenden WTO-Runde sein wird. Für Brasilien
und für andere Schwellenländer hängt auch vieles davon ab, ob es
gelingt, die Strukturen des internationalen
Finanzsystems zu verbessern,
um in einem Klima grösserer Sicherheit und Berechenbarkeit mehr Liquidität
und mehr Kreditangebote zu garantieren.
Unter dem Motto "Avança Brasil" hat die brasilianische
Regierung für den Zeitraum 2000 bis 2003 ein ehrgeiziges Wirtschaftsprogramm
aufgelegt, in dessen Rahmen Investitionen in Höhe von R$ 100 Milliarden
getätigt werden sollen. Die Finanzierung soll aus öffentlichen Mitteln
und - zum grösseren Teil - über den privatwirtschaftlichen Bereich
erfolgen und für Entwicklungen im Sozialbereich, für Infrastrukturmassnahmen
und eine gesteigerte Wettbewerbsfähigkeit des Produktivsektors eingesetzt
werden. Hiervon erhofft man sich die Schaffung von 8 Millionen Arbeitsplätzen
und ein deutlich über 4% liegendes Wirtschaftswachstum bei gleichzeitigem
Rückgang des öffentlichen Defizits unter 3% des BIP und einer jährlichen
Inflationsrate von unter 2,5%. Ein erfolgreicher Verlauf des Programms
könnte die Umsetzung eines auf Stabilität und Wettbewerb beruhenden
Entwicklungsmodells mit einem expandierenden
Arbeitsmarkt ermöglichen.
Damit bekäme der Staat die Mittel an die Hand, Sozialprojekte zu
fördern und wirtschaftlichen Fortschritt voranzutreiben. Der Staat
würde dabei nicht mit eigenen Direktinvestitionen
eingreifen, sondern seine Aufgabe darin sehen, durch geeignete politische
Massnahmen die Produktivität anzukurbeln und ein günstiges Investitionsklima
zu schaffen.
Während die weiterhin boomenden Exporte und die
Stabilisierung der Direktinvestitionen für makroökonomische
Stabilität sorgen, entspannt die innenpolitische Lage in der Folge
des politischen Skandals (ein enger Mitarbeiter von Kabinettchef
Dirceu ist offensichtlich in einen Spendenskandal verwickelt) nur
langsam. In den nächsten Monaten wird es darauf ankommen, dass der
bislang noch relativ fragile Konjunkturaufschwung (vor allem die
Industrieproduktion enttäuschte zuletzt) endlich auf den
Arbeitsmarkt durchschlägt, da ansonsten der Rückhalt der Regierung
in der Bevölkerung weiter abbröckeln wird, mit negativen
Konsequenzen für den Reformprozess. Es gibt allerdings gute Gründe
dafür, dass der Arbeitsmarkt reagieren wird: Der Rückgang des
lokalen Zinsniveaus (um 10,5 Prozentpunkte seit Juni 2003) wird
aller Voraussicht nach weitergehen, das globale Konjunkturumfeld
scheint sich zu stabilisieren, und die Commodity-Preise dürften hoch
bleiben. Es werden ein BIP-Wachstum von 3,5% (2003: -0,2%) erwartet.
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