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60 Prozent aller Brasilianer, das
entspricht etwa 80 Millionen Menschen, leben heute dort, wo einst
atlantischer Wald wuchs. Nur acht Prozent des ursprünglichen Ökosystems
sind erhalten geblieben; 25 Prozent der dort noch vorkommenden höher
entwickelten Pflanzen
und Tiere gelten
als bedroht.
Die Guarani bewohnen diesen Wald seit über 500 Jahren, ohne ihn
zu zerstören. Erst seit kurzem siedeln sie in kleinen Dörfern nahe
am Meer. Sie nutzen ein ausgedehntes Wegenetz, das ihre Siedlungen
miteinander verbindet und versuchen so ihre Wandertradition so gut
wie möglich fortzuführen. Sie haben erfolgreich für das Recht gekämpft,
ihre Wege und Wälder - selbst in Naturschutzgebieten - zu nutzen.
1992 wurde ein grosses Gebiet zum Biosphären-Reservat erklärt, um
die letzten noch ungeschützten Teile des primären atlantischen Waldes
unter Schutz zu stellen. Das Biosphären-Reservat sichert die Rechte
der Guarani, ihre traditionellen Territorien zu nutzen. Die Gefahren,
die jetzt noch drohen, sind illegaler Holzeinschlag, Strassen- und
Staudammprojekte sowie intensiver
Tourismus.
Die Guarani nennen die Erde auch "die Ruhestatt der Schmerzen,
der Schwierigkeiten". Hier auf Erden zu leben, ist für sie
ein Privileg, aber auch eine Lernaufgabe. Die göttlichen Wesen sorgen
dafür, dass den Menschen alle nötigen Hilfsmittel zur Verfügung stehen,
um die Schwierigkeiten zu meistern: die Fähigkeit, göttliche Inspirationen
zu empfangen; das Wissen über die guten Sitten; Feste und Rituale,
die das soziale und religiöse Leben regeln; die Kenntnis des Bodenbaus
und der Heilkräuter sowie die Fähigkeit, sich bewusst an seine Herkunft
zu erinnern. Das Wissen um die "himmlische Heimat" der
Seele ist für die Guarani kein Glaubenssatz, sondern auch heute
noch für viele eine intensive und lebendige innere Erfahrung.
Die starke Ausrichtung der Guarani auf spirituelle Dimensionen schafft
in den Dörfern der Indianer trotz ihrer sehr bedrängten materiellen
Situation immer wieder eine Lebensqualität. Natürlich haben sie
dieselben Schattenseiten wie alle Menschen auf der Erde: Neid, Machtgier,
Aggressivität usw. Es ist mehr ihr Bemühen zwischen dieser menschlichen
Bedingtheit, ihrer natürlichen Umgebung und den "Himmelsebenen"
immer wieder ein Gleichgewicht zu finden, das ihre Art und Weise
zu sein charakterisiert. Dieses Gleichgewicht ist weit entfernt
von idyllischer Harmonie oder statischer Ruhe. Es ist vielmehr ständig
in Bewegung, braucht beständige Aufmerksamkeit, Anregung oder Beruhigung,
je nach dem, ob sich zu viel kühle Distanz oder zu viel hitzige
Spannung angesammelt hat. Diese für die Guarani selbstverständlichen
Grundwerte finden sie in der Gesellschaft der Weissen wenig oder
gar nicht.
Die Guaraní-Dörfer befinden sich meist als "Insel" in
von brasilianischen, europäischen und asiatischen Immigranten und
paraguayischen Mestizen besiedeltem und bebautem Land. Es kommt
so in dieser Region zu einem intensiven Kontakt zwischen ganz verschiedenen
Kulturen und Religionen, nicht immer ohne Konflikte.
Die Guaraní-Kaiowa
Im Süden des Bundesstaates Mato
Grosso do Sul leben die Kaiowá, eine Untergruppe der Guaraní.
Kaiowá bedeutet "Herrscher der Wälder". Vor 200 Jahren
besiedelten diese Indianer mindestens 25 Prozent (andere Schätzungen
sprechen von bis zu 40 Prozent) des heutigen Bundesstaates. Den
etwa 26.000 Guaraní der Untergruppen Kaiowá und Nhandeva blieben
lediglich Bruchstücke, die nur noch etwa ein Prozent des früheren
Territoriums umfassen. Selbst das machen ihnen Grossgrundbesitzer
noch streitig. Die kleinen indianischen Ländereien sind hoffnungslos
übervölkert, die traditionelle Subsästenzwirtschaft ist kaum noch
möglich. So fristen im Reservat Bororó auf 3.500 Hektar fast 9.000
Kaiowá ein unwürdiges Leben am Rande der 400.000 Einwohner-Stadt
Dourados.
Unter der Militärdiktatur in Brasilien (1964-1985) wurden die traditionellen
Repräsentanten der Guaraní-Kaiowá, die Häuptlinge, durch sogenannte
"Capitanos" ersetzt. Diese vertraten die Interessen des
Staates und verkauften das Land der Indianer an Siedler und Grossgrundbesitzer.
Die Ureinwohner wurden in Köhlereien oder auf Zuckerrohrplantagen
fast wie Leibeigene behandelt, teilweise mit Alkohol "entlohnt".
Während der Ernte wurden indianische Mädchen und junge Frauen fast
schon systematisch vergewaltigt. Innerhalb weniger Jahrzehnte lösten
sich die meisten Gemeinschaften der Guaraní-Kaiowá auf. Ihre Angehörigen
mussten sich am Rande der Städte von Abfällen ernähren. Krankheiten
nahmen zu. Die soziale Verelendung provozierte eine Welle von Selbsttötungen
unter den Ureinwohnern,
vor allem unter Jugendlichen.
So drohten im Januar 1994 ca. 140 Guaraní-Kaiowá mit kollektiver
Selbsttötung, sollten sie von ihrem Reservat Jaguaripe vertrieben
werden. Obwohl das Indianerterritorium demarkiert war, hatten zwei
Grossgrundbesitzer alle Hebel in Bewegung gesetzt, das Land zu behalten.
Die lokale Justiz sprach ihnen tatsächlich einen Räumungstitel zu
und verpflichtete die FUNAI, die Ureinwohner zum Verlassen ihres
– bis heute umstrittenen – Landes zu bewegen. Solange die traditionellen
Territorien der Guaraní-Kaiowá nicht offiziell demarkiert und mit
Landtiteln ausgestattet sind, besteht eine juristische Grauzone,
wer rechtmässig über das Land verfügt.
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