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Diese
Auszüge aus dem Buch © "Fussball in Brasilien - Opium für
das Volk" wurde von Herrn
Dieter König zur Verfügung gestellt. Unerlaubter Nachdruck ©,
auch auszugsweise, ist nicht gestattet. Bei Fragen und Bestellungen
des Buches wenden Sie sich bitte direkt an Herrn
König
Der Fussball ermöglicht einen sozialen Aufstieg "Der Ball,
der Hoffnung schafft"
In welchem Masse sind die Thesen haltbar?
Nach Galeano stehen die Schwarzen in der sozialen Pyramide der Welt
unten und die Weissen oben. Der Fussball ist, seiner Meinung nach,
eines der wenigen einigermassen demokratischen Gebiete, auf denen
die armen Menschen bzw. die Menschen dunkler Hautfarbe Chancengleichheit
geniessen können. Im Fussball sieht Galeano zumindest eine gewisse
Chance des sozialen Aufstiegs für den armen Knaben, der kein anderes
Spielzeug als einen Ball kennengelernt hat. Der Ball ist das einzige
Wunder, an das er glauben kann. Vielleicht wird er ihm zu essen
geben, vielleicht wird er ihn zum Helden machen, vielleicht sogar
zum Fussballgott. In ähnlicher Weise argumentiert Wöhlcke, der einen
wichtigen Grund für die Faszination des Fussballs darin sieht, dass
der Fussball eine steile Karriere aus den Slums ins Rampenlicht der
nationalen und internationalen Öffentlichkeit ermöglicht. Beispiele
dafür, dass diese These haltbar ist, gibt es in Brasilien genügend.
Exemplarisch sei hier auf Pelé, Garrincha, Jairzinho, Romário und
Ronaldo verwiesen, die alle den steilen Aufstieg vom Slumkind zum
Weltstar geschafft haben. Jairzinho verweist in diesem Zusammenhang
darauf, dass er den sozialen Aufstieg "mit Sicherheit durch
den Fussball" am eigenen Leib erfahren habe. Aufgewachsen in
einem armen Vorort von Rio de Janeiro, sei der Fussball für ihn,
wie für viele Brasilianer, der erste Sport gewesen, den er erlernt
habe. Er habe im Fussball eine Chance gesehen, aus diesem "Elend"
herauszukommen. Adilson sieht es in ähnlicher Weise:
"Fussball ist ein Sport, für den man nicht viel Geld benötigt.
In Brasilien ist Fussball vor allem eine Sportart für die unteren
Schichten. Auch ich komme ursprünglich aus einer unteren Schicht
und habe den Fussball immer als Traum betrachtet, Geld zu verdienen
und dem Alltag zu entrinnen. Als ich mit 15 Jahren die Heimat verlassen
habe, um bei Vasco da Gama mein erstes Geld als Fussballer zu verdienen,
war ich sehr stolz!"
Einen weiteren Beleg dafür, dass der Fussball vor allem für Angehörige
der untersten sozialen Schichten ein Fluchtventil aus ihrer trostlosen
Umgebung ist, findet man bei der Betrachtung des brasilianischen
WM-Kaders zur Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich. Bis Leonardo,
der der Mittelklasse entstammt, kommen alle weiteren Nationalspieler
aus den unteren sozialen Schichten. Wöhlcke verweist darauf, dass
man sich mit diesen wenigen, die es schaffen, identifizieren kann
und somit neue Bilder in den Traum vom eigenen Aufstieg einfügen
kann. Sie werden zu Vorbildern und Idolen. Hortleder bekräftigt
diese Aussage, indem er den Star als Repräsentant des äussersten
menschlichen Sein-Könnens sieht, der stellvertretend jenes in die
Tat umsetzt, was seine Anhänger nie erreichen können.
"Aufgrund der Tatsache, dass Pelé Brasilianer ist, sind die
Brasilianer stolz, dass sie Brasilianer sind. Sie identifizieren
seine Tore als ihre Tore".
Bei Grinbaum findet man sogar konkrete Werte bezüglich der Frage,
welche Personen den Brasilianern am meisten Freude bereitet haben.
Mit einem Wert von 96% nimmt Pelé dabei die Spitzenposition ein.
Mit Garrincha auf Platz sechs und Romário auf Platz neun, befinden
sich zwei weitere Fussballstars unter den ersten zehn Nennungen,
die den Brasilianern am meisten Freude bereitet haben. Interessant
erscheint auch die Argumentation von Fiedler, der zu diesem Prozess
folgendes schreibt:
"In den 80er Jahren bewunderten die Fans zwar die Bürgersöhnchen
Zico oder Sócrates, geliebt haben sie sie aber nicht. Geliebt haben
sie ihresgleichen: Pelé, der die steile Karriere vom Slumkind zum
Millionär und Sportminister gemacht hat, von der alle träumen, und
dem sie deswegen auch die Luxusvilla, die weisse Frau und die Rolle
als braver, angepasster Farbiger nicht übel nehmen".
Noch mehr als Pelé hingen die Fans an Garrincha. Als der in erbärmlichen
Verhältnissen aufgewachsene Garrincha seinen ersten Profivertrag
bei Botafogo Rio de Janeiro unterschrieb, feierte man in seinem
Heimatort Pau Grande ein Freudenfest. Wenigstens einer von ihnen
hatte es geschafft, den trostlosen Ort, der keine Perspektiven bot,
zu verlassen. Der legendäre Dribbler der Weltmeistermannschaften
von 1958 und 1962 konnte kaum lesen und schreiben, hatte drei Ehefrauen
und unzählige Geliebte, zeugte 13 Kinder und adoptierte noch sechs
dazu. 1983 starb Garrincha einsam und verarmt als Alkoholiker. Zu
seiner Beerdigung kamen über 100.000 Menschen.
Wenn die brasilianische Nationalmannschaft spielt und siegt, wird
nach Sturm/Bruder alles andere zur Nebensache. Diese Aussage soll
durch folgendes Beispiel bekräftigt werden. Als bei der Weltmeisterschaft
1990 in Italien Brasilien gegen Schottland spielte, schlossen fast
alle Büros, Schulen und Supermärkte. Die nationale Fluglinie Varig
nahm keine Reservierungen mehr entgegen und ein Militärgericht in
Rio unterbrach seine Sitzung, in der gegen 25 Angeklagte wegen Waffenbesitz
verhandelt wurde, rechtzeitig zum Anpfiff. Umgekehrt erzeugen dann
allerdings nicht einkalkulierte sportliche Niederlagen, wie Bsp:
die WM-Niederlage 1950 gegen Uruguay, "drückende und chronische
Minderwertigkeitsgefühle" argumentiert in ähnlicher Weise: "je
stärker die Identifikation mit der Mannschaft ist, desto mehr bedrohen
Niederlagen, vor allem in wichtigen Spielen, das eigene Selbstwertgefühl,
führen zu einer Schädigung der Ich-Identität." Bei Sturm/Bruder
findet man eine ähnliche Aussage:
"Verliert die brasilianische Nationalmannschaft, verspürt kaum
jemand einen grossen Drang zur Arbeit, gewinnt das Team, wird ausgiebig
gefeiert, der Gang zur Arbeit erübrigt sich an diesem Tag".
Laut Blickensdörfer kostete 1990 jedes WM-Spiel ihrer Mannschaft
die Brasilianer 365 Mill.Dollar an Sozialprodukt, weil viele Mill.
Menschen zuschauten und nicht zur Arbeit gingen. Nach Fatheuer,
hat Fussball eine zentrale Bedeutung für die Selbstdefinition Brasiliens.
Armbruster sieht im brasilianischen Fussball sogar die Seele der
Nation und Lever meint, dass Fussball und Samba die Antwort auf die
Frage sei, welche Merkmale die brasilianische Kultur und die Identität
der Brasilianer am besten beschreiben. Fussball ist in dieser Perspektive
weitaus mehr, als es der Spruch von der "wichtigsten Nebensache
der Welt" weismachen will.
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