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"Historische Entwicklung" - Auszug aus dem Buch

   
     

Portrait RomarioDiese Auszüge aus dem Buch © "Fussball in Brasilien - Opium für das Volk" wurde von Herrn Dieter König zur Verfügung gestellt. Unerlaubter Nachdruck ©, auch auszugsweise, ist nicht gestattet. Bei Fragen und Bestellungen des Buches wenden Sie sich bitte direkt an Herrn König

Wie kam der Fussballsport nach Brasilien?

Wie die meisten Sportarten, entstand auch der Fussballsport im 19.Jh. in England.

Ebenso wie die Geschichte des Landes, hat auch der Fussball in Brasilien für viele ein genaues Geburtsdatum. Miller, ein Brasilianer englischer Abstammung, wurde von seinen Eltern zum Studium nach Southampton geschickt und brachte nach Abschluss seiner Ausbildung von dort zwei Fussbälle mit nach Brasilien. Mit missionarischem Eifer bemühte sich Miller, anderen das Fussballspiel beizubringen und hatte letztendlich auch Erfolg. Die Eliten Brasiliens lechzten zu dieser Zeit geradezu nach Europäischem (wie z.B. dem Nachmittagstee, der Mode, Möbeln und Architektur) und so wurden die Fussbälle von Charles W.Miller, wie alles Europäische, von der städtischen Elite in São Paulo mit Begeisterung aufgenommen. Miller selbst wurde in den São Paulo Athletic Club, den hohe englische Angestellte der Companhia de Gas und der São Paulo Railway gegründet hatten, um Kricket zu spielen, aufgenommen.

Am 14.April 1895 organisierte Charles W.Miller das erste klar bezeugte Fussballspiel in Brasilien. Das Railway Team besiegte das Team of Gas mit 4:2. Zu Beginn wurde Fussball nur in einem engeren gesellschaftlichen Kreis gespielt. Die ersten Fussballer Brasiliens waren Angehörige zunächst der ausländischen und später auch der einheimischen Bourgeoisie. Besonders die Schwarzen wurden damals ausgeschlossen. Die ersten Fussballvereine gaben sich sehr elitär und Fussballspielen war ein Distinktionsmerkmal einer besonderen gesellschaftlichen Klasse. Der Fussball etablierte sich zunächst in einer extrem elitären Umwelt und zu Beginn der Entwicklung des Fussballsports in Brasilien waren es immer hochgestellte Ausländer (meist Engländer), die den neuen Sport praktizierten. Wie aus diesem elitären Oberklassensport, de zunächst nur für Weisse zugänglich war, ein Massensport bzw. der Nationalsport Brasiliens werden konnte, ist ein brisantes Stück Sozialgeschichte.

Die Demokratisierung des brasilianischen Fussballs beginnt mit der Gründung des "Bangu Athletic Club" aus Rio de Janeiro durch hohe Funktionäre der englischen Textilfirma Companhia Progresso Industrial Ltda. Die Firma und das daneben angelegte Spielfeld lag in einer Vorstadt und somit weit entfernt von den Nobelvierteln der Südzone. In diesem unattraktiven Industrieviertel hatten die englischen Funktionäre erhebliche Probleme, genügend Spieler für zwei Mannschaften zusammenzubekommen. Die Erfahrungen Banguas zeigten, dass eine Mannschaft, die offensichtlich bereit war, alle Talente aufzunehmen, erfolgreicher sein  kann als Mannschaften, die ihre Spieler nur aus elitären Kreisen der Oberschicht rekrutieren. Letztendlich zählte die Leistung auf dem Spielfeld und nicht die gesellschaftliche Stellung ausserhalb desselben. In einer Gesellschaft mit einer noch geprägten Hierarchie ist das Fussballspiel somit ein Feld für Gleichheit und soziale Gerechtigkeit. Eine weitere Demokratisierungsgrundlage lässt sich 1917 erkennen, als Tausende von Arbeitern ihre Arbeit niederlegten, um ihre Unzufriedenheit über die schlechten Arbeitsbedingungen auszudrücken. Die Industrieunternehmer und Behörden waren gefordert, mögliche Lösungswege zu finden. Der Massensport "Fussball" wurde legitimiert und die Arbeiter wurden vom Staat angeregt, Fussball zu spielen. Die Städte befreiten die Sportfelder von der Steuer, die Polizei hörte auf, die auf ungenutzten Flächen betriebenen Spiele zu unterbinden und die öffentlichen Schulen setzten die Bestrafung von Schülern, die Fussball spielten, aus.

Die Schwarzen und Mulatten hatten zwar Gefallen an dem Spiel mit dem runden Leder gefunden, doch zunächst blieb ihnen der Zugang zu den Fussballclubs verwehrt. Der brasilianische Sportverband Federácao Brasileira de Sports verbot Schwarzen jegliche Teilnahme in Sportmannschaften. Erst 1918 wurden farbige Spieler offiziell zugelassen. Dem ersten Starspieler dieser Zeit, Arthur Friedenreich ist eine weitere Demokratisierungserscheinung des brasilianischen Fussballs bzw. die Integration farbiger Spieler in die einzelnen Teams zu verdanken. Der Sohn eines Deutschen und einer Brasilianerin war der erste Mulatte, der in der Nationalelf spielte. Sein Siegtor, das er 1919 gegen Uruguay zum Gewinn der Südamerikameisterschaft erzielte, eröffnete den Farbigen den Zugang zu vornehmen Mannschaften. Friedenreich wurde 1919 die Ehre zuteil, einer der grössten lebenden Brasilianer genannt zu werden. Trotz der Aufnahme von farbigen Spielern blieb die Rassenfrage ein brisantes Thema im Fussballsport. Als der Club América Rio de Janeiro sein Team 1921 durch lokale Talente verstärken wollte, stiessen die Späher auf einen Seemann namens Manteiga. Manteiga war schwarz und bekam die Vorurteile gegen seine Herkunft bereits beim ersten Spiel zu spüren. Neun Spieler seines Teams verliessen die Umkleidekabine und traten aus Protest gegen den Einsatz eines Schwarzen aus dem Verein aus. Nachdem Manteiga noch im selben Jahr auf einer Vereinsreise in den nordöstlichen Bundesstaat Bahia massiv diskriminiert wurde, kapitulierte er und verliess den Verein. Die zuvor ausgetretenen Mitglieder kehrten daraufhin in den Verein zurück.

Als Brasilien im selben Jahr zur Südamerikameisterschaft nach Argentinien fuhr, ordnete Präsident Pessoa an, dass die Mannschaft nur aus weissen Spielern bestehen sollte. Er war in Sorge, dass ein schwarzer Spieler die Nation repräsentieren und damit Schande über Brasilien bringen würde.

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