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Zum afro-brasilianisch geprägten Anteil
der Volkskultur gehört wie die Religion "Candomblé"
zweifelsfrei auch die Capoeira. Die Capoeira ist in der Gegenwart
eine Mischung aus Kampf, Tanz, Ritual, Spiel, Akrobatik und Musik.
Sie stammt aus Bahia und wird heute vor allem in Bahia, Recife,
Rio de Janeiro, mittlerweile aber auch in ganz Brasilien in verschiedenen
Formen praktiziert. Vor einem Halbkreis von Musikern und Sängern
präsentieren sich auf Plätzen, Märkten, auf Bühnen und in Turnhallen
jeweils zwei Kämpfer-Tänzer, deren auf- und gegeneinander gerichtete
Bewegungen, phänomenologisch betrachtet, einer Mischung aus Tanzritual
und zeitlupenartig verlangsamten fernöstlichen Selbstverteidigungstechniken
ähneln.
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Historisch gesehen ist die Capoeira mit der Sklaverei auf den Zuckerrohrplantagen
und dem Widerstand der Sklaven verbunden. Keine Klarheit besteht
über den letzten Ursprung der Capoeira, auch die Etymologie des
Begriffs bleibt im Dunkeln. Während "puristische" Interpreten
daran festhalten, die Capoeira stamme aus Afrika und sei somit eine
in Brasilien exilierte afrikanische Kulturpraxis, so geht die Mehrzahl
der Forscher heute davon aus, dass die Capoeira von afrikanischen
Bantusklaven erst in der Neuen Welt, in Brasilien also, entwickelt
wurde. Inspiriert an zum Teil aus Afrika stammenden Tänzen, Ritualen
und Musikelementen entstand eine Körpertechnik, die vor allem die
Funktion hatte, sich der in der Sklaverei herrschenden Gewalt zu
entziehen und ihr mitunter sogar Widerstand entgegenzusetzen. Die
Capoeira erscheint in dieser Perspektive als von männlichen afrikanischen
Sklaven in Brasilien geschaffene genuine körperliche Widerstandspraxis,
die sich im Laufe der Geschichte zu einem Teil der afro-brasilianischen
Volkskultur entwickelte.
Im Zusammenhang mit der Flucht von Sklaven und der Errichtung von
Fluchtburgen kristallisiert sich die Capoeira im 18.Jh., wobei auch
Messer eingesetzt wurden, zur Verteidigungs- und Angriffswaffe der
geflohenen Sklaven.
In den 30er Jahren beginnt die Institutionalisierung, Entkriminalisierung
und Reglementierung der Capoeira. 1932 gründet Mestre Bimba (bürgerlich:
Manoel dos Reis Machado) die erste Capoeira-Schule oder -akademie.
1936 erkennt die Landesregierung des Bundesstaates Bahia die Capoeira
als Sportart an, 1937 entfällt das gesetzliche Capoeira-Verbot.
In dem Masse, wie die Capoeira sich von den Strassen in die Akademien
zurückzieht, hört sie auf, Synonym marginaler, schwarzer Gewalt
zu sein. Immer mehr Lehrer verbreiten den Kampftanz in Brasilien.
Während bei der "Capoeira de Angola" Musik, Spiel und
Ritual die meist bodennah und zeitlupenartig ausgeführten Ausweichfiguren
prägen, stellt sich die "Capoeira regional", erkennbar
an den zahlreichen offensiven Luftsprüngen, als ein auf Leistung
ausgerichtetes Sport- und Kampfgeschehen dar, auch wenn die Musikbegleitung
erhalten geblieben ist.
In der Gegenwart existieren zahlreiche Mischformen der beiden Grundrichtungen.
Die Capoeira bleibt durch ihre Geschichte vor allem als Capoeira
de Angola afro-brasilianischen Ritualen verbunden. Für den Tourismus
wird sie als spektakuläre Folklore in der Gegenwart ebenso instrumentalisiert
wie für pädagogische Projekte, die durch Capoeira-Schulen Strassenkindern
oder straffällig gewordenen Jugendlichen eine Chance zur Integration
oder Resozialisierung bieten wollen. Immer weniger Widerstandspraxis
der Schwarzen, drückt die Capoeira heute dennoch die Erinnerung
an ihren Widerstand gegen die dominante Kultur der Weissen aus.
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