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"Trau den Weissen nicht
über den Weg. Das sind Leute, die über den Blitz bestimmen, die
ohne Heimat leben, die umherwandern, um ihre Gier nach Gold zu stillen.
Sie sind dann freundlich zu uns, wenn sie uns brauchen, denn das
Land, das sie zertrampeln, die Weiden und die Flüsse, über die sie
herfallen, gehören uns. Haben sie einmal ihr Ziel erreicht, sind
sie falsch und hinterhältig!". -
Rosa Borõro, 1913
Fast alle 160 Millionen Einwohner Brasiliens stammen von
den Indios ab – so lauten die Ergebnisse jüngster historischer
Forschungen. "Vor der Heirat wurden die Indianerinnen getauft
und bekamen einen europäischen Namen, deswegen sind die Spuren der
Vermischung so schwer zu verfolgen", beschreibt die Historikerin
Maria Beatriz Nizza da Silva. Doch ohne
das Zusammenleben mit den Indios hätten die Portugiesen in
der Neuen Welt nicht überleben können. Der brasilianische Schriftsteller
Darcy Ribeiro sieht in der "erzwungenen Verschmelzung von Indianerinnen
und Eroberern die Ursache
allen Übels": "Die Nachkommen
haben ihre Herkunft
verleugnet und sich nie zum Volk ihrer Mütter bekannt", so
Ribeiro. Dadurch hätten sie ihre Identität verloren und seien zu
den schlimmsten Unterdrückern der Indios geworden.
Brasiliens Indianer hatten ihren ersten Kontakt mit den künftigen
Kolonisten im Jahre 1500, als Pedro Alvares Cabrals Schiff anlegte.
Die Europäer waren beeindruckt von der Unschuld und der Grosszügigkeit
der Indianer, und einer von ihnen schrieb: "Ihr Körper ist
über die Massen sauber, kräftig und schön". Amerigo Vespucci,
nach dem später Amerika benannt wurde, schuf 1503 in einem Bericht
über die Indianer die Vorstellung vom edlen Wilden. "Ich hatte
das Gefühl, dem Paradies auf Erden nahe zu sein". Man schätzt
die Zahl der indianischen Ureinwohner zum Zeitpunkt der Entdeckung
Brasiliens auf 2,5 bis 6 Millionen. Es gab vier Sprachgruppen, zwei
davon die Arush und die Kariben, finden sich auch in Zentralamerika
und im Karibischen Becken, was auf einen gemeinsamen Ursprung schliessen
lässt. Die Anthropologen sind sich seit einiger Zeit darüber einig,
dass die Vorfahren der Indianer beider Amerikas über die Beringstrasse
aus Zentralasien einwanderten. Keramikfunde im mittleren Amazonasgebiet
und die grosse Vielfalt der Indianerkulturen haben einige Experten
zudem zu der Annahme veranlasst, dass die Ursprünge der Ureinwohner
Brasiliens noch weiter zurückliegen und geographisch vielleicht
sogar bis jenseits des Pazifiks reichen.
Zu Beginn behandelte man die Indianer mit Respekt. Die an der Küste
lebenden Stämme halfen den Portugiesen,
ihre Karavellen mit Stämmen des überaus gewinnbringenden Brasilholzes
zu beladen. Während der Bedarf der Indianer an den metallenen Schneidewerkzeugen,
die sich im Austausch erhielten, bald befriedigt war, hatten die
Kolonisten weiterhin grösste Interesse an Menschen für diese schwere
Arbeit. Also suchten die Portugiesen nach einem Vorwand, um die
Indianer zu versklaven. Sie sahen sie als heidnische Seelen, die
zu bekehren waren, als billige, auszubeutende Arbeitskräfte oder
aber als gefährliche Feinde, die der Bevölkerung in den jungen Kolonien
immer noch an Zahl überlegen waren. Vor allem akzeptierten die Portugiesen
die Indianer niemals als ein Volk das ein Anrecht auf das Land hatte.
Sklaverei, Krankheit und Alkohol liessen die Indianer physisch und
psychisch so weit verfallen, dass die weisse Gesellschaft sie schliesslich
als faul, unbrauchbar und unfähig zur Integration ansah. 1845 wurden
die Indianer von der neuen brasilianischen Regierung wieder in die
Mission zurückgeführt, um sich ihrer Arbeitskraft mittels des Schuldsklavensystems
zu bedienen, das man bei der
Gummigewinnung im Amazonas-Urwald anwandte. Diplomaten verlangten,
auch im Interesse der Kolonisten, energische Schritte gegen die
Indianer zu unternehmen, da deren Territorium an die deutschen und
italienischen Einwanderer verteilt worden war und die Indianer eine
Bedrohung darstellten. Zu Anfang des 20.Jh. brüsteten sich die Bugreiros,
die von den Kolonisten angeheuerten Indianer-Jäger, sie hätten Kaináng-Indios
getötet oder verschleppt, die versucht hatten, eine nach Westen
vordringende Eisenbahnlinie zu stoppen. Bis zu diesem Zeitpunkt
war die Zahl der Indianer auf weniger als eine Million dezimiert
worden.
Die Stellung der Ureinwohner Brasiliens in der christlichen Gesellschaft
gestern und heute wird durch zwei Zitate illustriert. Im 16.Jh.
äusserte sich der in São Paulo hochverehrte Jesuitenpater José de
Anchieta über die Missionierung wie folgt: "Wenn ein Jesuit
ein Indianerdorf besucht und es keine Bereitschaft zeigt, sich katechisieren
zu lassen, muss man die Indianer eben mit dem Schwert und mit der
Eisenrute traktieren - das ist die beste Predigt". 1989, fast
500 Jahre später, meinte der brasilianische Heeresminister Leonidas
Pires Gonçalves: "die Kultur
der Indianer sei eine der niedrigsten und verdiene wenig Respekt,
und die Ureinwohner sollten sich endlich in die brasilianische Mehrheitsgesellschaft
integrieren".
Nach 500 Jahren kolonialer oder nationaler Beherrschung haben aber
nur wenige Stammesgruppen durch Anpassung oder Rückzug der kulturellen
Zerstörung entgehen können. Heute kämpfen die indianischen Völker
darum, ihre kulturelle und ethnische ldentität bewahren zu können.
Die lndianer, die das kulturelle Erbe bewahrten, haben mit ihren
Naturkenntnissen und botanischen Entdeckungen einen wertvollen Beitrag
zum kulturellen Reichtum der Menschheit geleistet und können ihn
weiter leisten, wenn es gelingt, ihre Bedeutung zu erkennen und
sie zu bewahren. Ende der sechziger Jahre wurde dann aber die Erschliessung
des undurchdringlichen Urwalds von der brasilianischen Regierung
systematisch in Angriff genommen. Anlass dazu waren vor allem die
sich zuspitzenden sozialen Probleme im Nordosten des Lands, dem
dürregeplagten "Armenhaus" Brasiliens.
Trotz vieler Versuche gelang es jedoch nie, die Indianer von ihrer
Minderwertigkeit zu überzeugen, wie Darcy Ribeiro meint: Wird ihre
Lage zu aussichtslos, wählen sie lieber den Freitod. Immer mehr
Indios sehen im Suizid den einzigen Ausweg aus dem Elend, unter
den Kaiwá-Indios sind es zur Zeit über 50 Fälle jährlich, die Mehrheit
der Opfer ist unter 20 Jahre alt. Andere verlassen ihr Dorf, um
sich in sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse zu ergeben oder in die
Ghettos der grossen Städte zu ziehen. Bereits 1910 gründete man den
Indianerschutzdienst "SPI", der 1967 wegen bewiesener
Korruption von der "FUNAI - Fundação Nacional do Indio"
abgelöst wurde.
Ungefähr 13.000 Indianer leben heute in 24 Reservaten, wo sie, weitgehend
von der Zivilisation unberührt, nach althergebrachter Weise für
sich selbst sorgen und ihre Kultur pflegen können. Bekannt ist vor
allem der 1961 gegründete 35.000 Quadratkilometer grosse Xingu-Nationalpark
am Oberlauf des Xingu-Flusses, wo neun verschiedene Stämme, unter
ihnen die letzten Ureinwohner die "Xingu",
mit insgesamt rund 1.000 Indianern leben. Leider bleiben die Indianer
aber selbst in diesen letzten Rückzugsgebieten nicht ungestört.
Wiederholt wurde in den letzten Jahren von Massakern unter den brasilianischen
Ureinwohnern berichtet, teils durch umherziehende Goldsucher. Die
Indianer können den Grund und Boden, auf dem sie oft seit Jahrhunderten
siedeln, nicht veräussern, da Indianer-Territorien Bundeseigentum
sind. Die Verfassung garantiert den Ureinwohnern lediglich die Nutzung
der Reichtümer des Bodens, der Flüsse und Seen, die industrielle
Ausbeutung der Bodenschätze ist jedoch ausdrücklich ausgenommen.
Das Wort "Indio" hat in einigen Ländern Südamerikas einen
ähnlichen Beigeschmack erhalten wie die Bezeichnung "Nigger"
für Schwarze. Zum Beispiel in Guatemala ist die Bezeichnung "Indio"
ein Schimpfwort. Jahrhundertelang drückten die europäischen Eroberer
damit ihre Geringschätzung gegenüber den lndianern aus. Respektvoller
ist das Wort "Indigena - Einheimischer". Grundsätzlich
muss unterschieden werden zwischen Hochlandindianern - den Nachkommen
der alten Hochkulturen des Andengebietes - und Tieflandindianern,
die sich in eine Vielzahl von voneinander unabhängigen Volksgruppen
gliedern und vornehmlich im Amazonasbecken
leben.
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