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Brasilien ist keineswegs gefährlich,
wenn man einige simple Sicherheitsregeln beachtet. Stets im Hinterkopf
behalten: hier zählen auch Bafög-Studenten zu den Reichen! Wenn
jemand um ein paar Pommes Frites bittet oder auf der Terrasse eines
Restaurants fragt, ob er die restlichen Hühnerknochen auf dem Teller
abnagen darf, tut er dies nicht aus Jux, sondern weil er Hunger
hat. Tätlichkeiten oder Belästigungen werden stets von Not und Armut
diktiert.
Unsere Medien neigen leider dazu, die Einschaltquoten fest im Blick,
die Gewaltkriminalität in Berichten über Brasilien kräftig zu überzeichnen.
Tatsächlich häufen sich die Fälle grausamer Bluttaten, aber diese
treffen zumeist die Schwächsten der Gesellschaft: Strassenkinder,
Indianer, Slumbewohner usw. Dahinter
steckt nicht selten die Militärpolizei, deren Vergeltungsschlägen
oder reinen Willkür bisher kein Ermittler beikommen konnte. Auch
hier gilt es zu bedenken, dass strukturelle Gewalt stets von den
Mächtigen ausgeht, und dazu zählen in einem Land wie Brasilien auch
ausländische Besucher. Man denke nur an die Touristenorten verbreitete
Kinderprostitution.
Brasilien gilt als typisches Schwellenland mit einem hohen Grad
an Industrialisierung und einem breiten Angebot an Gütern. Doch
maximal ein Drittel der Gesamtbevölkerung nimmt am Wirtschaftskreislauf
teil, die Mehrheit ist in der Schattenwirtschaft tätig oder lebt
am Rande des Existenzminimums in bitterer Armut. Man findet sie
auf keine Landkarte eingezeichnet, doch gibt es zwei Brasilien,
die auf dem gleichen Territorium, Seite an Seite existieren: das
eine ein Land von riesigem Potential, unbegrenzten Möglichkeiten
und unvorstellbaren Reichtums; das andere hingegen ein Land des
Mangels, des menschlichen Elends und der Verzweiflung.
Die Armut zog in Brasilien mit den Kolonisatoren ein. Der Grundstein
hierfür wurde mit dem System der "Casa Grande", also mit
dem Herrenhaus auf dem Lande gelegt. Die Fazenda war auf Sklavenarbeit
aufgebaut und funktionierte stets patriarchalisch. Oben und unten,
arm und reich waren festgelegt. Die Nachwirkungen dieses Systems
bestimmen noch die brasilianische Sozialstruktur. Auch heute noch
ist die Gesellschaft streng gegliedert. Nach einem Jahrzehnt der
Wirtschaftskrisen klafft die Einkommensschere fast weiter denn je
auseinander. Die Einkommenssituation zwingt die meisten Brasilianer,
nach einem Zusatzverdienst zu suchen. Bei den Armen ist es üblich,
dass die Kinder mit zehn Jahren zu arbeiten beginnen.
Beispiele für grosse regionale Diskrepanzen findet man in jeder Stadt
und in jedem Staat, doch sind auch enorme regionale Diskrepanzen
festzustellen. Als Brasilien Kolonie war, galt der Nordosten lange
Zeit als das Zentrum der Zuckerplantagen und als die dominierende
brasilianische Wirtschaftsregion. Doch als der Zucker an Bedeutung
verlor, ging es mit dieser Region bergab. Den Todesstoss versetzte
ihr die stürmische industrielle Revolution, die die wirtschaftliche
Macht auf die Städte im Südosten und Süden verlagerte, wo sich die
Fabriken konzentrierten. Fehlende Industrie, Dürreperioden und ein
überkommenes landwirtschaftliches Pachtsystem liessen den Nordosten
zum Symbol des anderen Brasilien werden.
Die Wanderungsbewegung vom ländlichen Nordosten in den urbanen Südosten
begann in den sechziger Jahren und flaut langsam ab. Zwischen 1970
und 1980 wuchs die Bevölkerung im Stadtgebiet von São Paulo um drei
Millionen Menschen, von denen die meisten aus dem verarmten Nordosten
kamen. Im Laufe dieser Entwicklung gelangten arme, ungelernte Bauern
in die Industriezentren des Südens und Südostens und lieferten beständig
billige Arbeitskräfte, aber auch ein riesiges und wachsendes soziales
Problem. Abgesehen davon, dass die Städte, was Wohnraum, Dienstleistungen
und Versorgungseinrichtungen betrifft, bis an den Rand ihrer Möglichkeiten
strapaziert werden, lässt diese Masse von armen Einwanderern die
Slums in den Städten anwachsen und damit
die Kriminalität. Heute leben ca. über fünf Millionen Einwohner
von São Paulo, das ist die Hälfte der Stadtbevölkerung, in Wohnungen,
die weit unter dem Mindeststandard liegen.
Für den Besucher werden die Kontraste zwischen den beiden Brasilien
schnell deutlich. Bettler säumen die Gehsteige, während Hausmädchen
die Fenster der Luxusappartements auf der anderen Strassenseite putzen.
Die Mehrzahl der Strassenhändler sind Arbeitslose,
die sich nicht verändern können oder wollen: Sie haben keine festen
Arbeitszeiten, sind nicht an Verträge
und Arbeitgeber gebunden, zahlen keine
Steuern und verdienen oft mehr als in einer regulären Stellung.
Ist die Wirtschaft
im Aufschwung, so verringert sich ihre Zahl, steuert sie wider in
eine Krise, so steigt sie umgehend. Die stete Präsenz von Bettlern
ist zumindest in den Städten im Nordosten Brasiliens sehr auffallend.
Dort gibt es kein soziales Netz, das die Alten, Blinden, Behinderten,
psychisch Kranken und Arbeitslosen
auffangen und von der Strasse holen könnte. Bei den zahllosen bettelnden
Kinder ist es sicherlich besser, ihnen kein Geld zu geben, um so
vor skrupellosen Erwachsenen zu schützen, die meinen, auf diese
Weise ohne Gegenleistung an Geld herankommen zu können. Ein Kind,
das wirklich Hunger hat, wird für ein Stück Obst oder eine gesunde
Mahlzeit dankbar sein.
Deutschland im Vergleich:
© Ausschnitt aus "DIE WELT" vom 02.10.2000
DGB: Jeder elfte Deutsche lebt in Armut - Familien, Arbeitslose
und Alleinerziehende sind besonders betroffen
Berlin - Jeder elfte Bundesbürger ist arm. Dies ist das Ergebnis
einer Studie, die der Paritätische Wohlfahrtsverband und der Deutsche
Gewerkschaftsbund (DGB) am Mittwoch in Berlin vorgelegt haben. Ulrich
Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes
sprach von einem "politischen Armutszeugnis". Der rot-grünen
Regierung warf er vor, entgegen früherer Ankündigungen keine offensive
Armutsbekämpfung zu betreiben.
Laut Bericht ist das Armutsrisiko für Arbeitslose, Alleinerziehende
und kinderreiche Familien besonders hoch. 14,2 Prozent aller Kinder
in Deutschland leben danach in Einkommensarmut. Bei Arbeitslosen
und Alleinerziehenden beträgt die Quote rund 30 Prozent. Auch jede
fünfte Familie mit drei und mehr Kindern fällt unter die Armutsgrenze.
Bei ausländischen Migranten liegt der Anteil bei 18 Prozent. Als
einkommensarm gilt, wer weniger als 50 Prozent des durchschnittlichen
Pro-Kop-Einkommens zur Verfügung hat. Im Untersuchungsjahr 1998
entsprach dies einem Monatseinkommen von 1038 DM im Westen und 855
DM im Osten.
Im alten Bundesgebiet liegt die Armutsquote mit 8,7 Prozent niedriger
als in den neuen Ländern, wo 10,7 Prozent der Bevölkerung weniger
als die Hälfte des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens zur Verfügung
haben. Verglichen mit 1985 sei der Anteil der Einkommensarmen relativ
stabil geblieben, unterstrich der Leiter der Studie, der Darmstädter
Sozialwissenschaftler Walter Hanesch. Als erfreulich wertete er,
dass in Ost und West Armut zumeist kein Dauerproblem sei, sondern
eher als kurzzeitiges Risiko auftrete. Deshalb gebe es in Deutschland
auch keine "Unterklasse", in der sich die Armut dauerhaft
verfestige.
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