Auszug aus dem Buch von João Ubaldo Ribeiro
Eins habe ich während meines Aufenthaltes hier in Berlin gelernt:
Ich werde erst wieder in Deutschland antreten, nachdem ich einen
Kurs über Amazonien belegt und mindestens eine grundlegende Biographie
über die brasilianischen Indianer gelesen habe. Es kann hier nämlich
ganz schön schwierig werden für Brasilianer wie mich, die nichts
von Amazonien und den Indianern verstehen. Wenn sie von meiner
Unwissenheit erfahren, sind einige Deutsche derart empört, dass
sie sofort jedes weitere Gespräch mit mir aufgeben. Andere, vielleicht
ist das die Mehrheit, wollen mir das schlichtweg nicht abnehmen,
hören nicht auf meine abschlägigen Antworten und reden einfach
weiter, so dass die Unterhaltung schizophrene Züge annimmt.
"Amazonien ist bestimmt faszinierend, nicht wahr?"
"Ja, bestimmt, aber sicher."
"Ich verstehe, was Sie sagen wollen. Für einen wie Sie, der
direkt von dort kommt, list es sicher schwer, so fasziniert davon
zu sein wie ein Ausländer. Wer von aussen kommt, der ist jedenfalls..."
"Ganz so ist es eigentlich nicht, ich habe Amazonien nämlich
nie gesehen."
"Leben Sie seit Ihrer Kindheit ausserhalb Brasiliens?"
"Nein, ich lebe in Brasilien. Aber ich habe Amazonien nie
gesehen."
"Mein Gott, was sagen Sie denn da. Das ist ja schrecklich!"
"Ja, also...Ich..."
"Ich wusste ja gar nicht, dass die Zerstörung schon so weit
fortgeschritten ist, wie furchtbar! Und Sie haben Amazonien gar
nicht gekannt. Als Sie geboren wurden, war das Gebiet schon zum
grössten Teil zerstört, niedergebrannt, verwüstet! Finden Sie nicht,
dass das ein schreckliches Verbrechen gegen die Natur, gegen unseren
Planeten ist?"
"Natürlich. Aber das ist es gar nicht, denn ich..."
"Würden Sie nicht auch sagen, dass man auf jeden Fall die
Zerstörung von Amazonien aufhalten muss?"
"Aber sicher".
"Ich hatte auch keine andere Haltung von Ihnen erwartet.
Helga, komm mal her hör dir an, was unser brasilianischer Freund
mir über Amazonien erzählt, keiner kann uns besser als ein Brasilianer
die Wahrheit über Amazonien zeigen, und was er gerade erzählt
hat, ist wirklich grauenhaft, noch viel schlimmer, als wir gedacht
haben! Stell dir vor, er ist in Brasilien aufgewachsen und hat
Amazonien nie gesehen! Die Zerstörung war schon so weit fortgeschritten,
dass er gar nicht mehr vorgefunden hat! Kommen Sie, mein treuer
Freund, erzählen Sie der Helga hier, was Sie mir gerade erzählt
haben, das ist wirklich schrecklich. Helga, er hat gesagt..."
Bei Lesungen, Vorträgen und ähnlichen Anlässen ist es noch schlimmer,
weil da ein kollektiver Druck herrscht. Ich habe gerade ausgeredet,
da erhebt sich ein Herr, gibt sich erstaunt und vorwurfsvoll und
sagt:
"Ich habe hier in einer Zeitung gelesen, dass Sie noch nie
einen Indianer gesehen haben. Stimmt das?"
Gemurmel im Publikum. Ist das weisse Ding da in der Hand des Jungen
mit der Punkfrisur ein Ei, das gleich in meine Richtung fliegt,
wenn ich die falsche Antwort gebe? Ob die Frau in der ersten Reihe
mit ihrem Regenschirm losstochern wird? Ob die Studenten dahinten
sich gerade anschicken, sich zu erheben und in wildes Buhen auszubrechen?
Bei einer internationalen Krise dieses Ausmasses muss man einige
Kreativität an den Tag legen.
"Natürlich nicht", sage ich zuvorkommend. "Das
ist eine Lüge der Zeitung, Zeitungen lügen viel. Ich sehe jeden
Tag Indianer. Als ich klein war, kamen die Indianer immer aus
dem Urwald von der anderen Strassenseite an und sprangen über die
Mauer in unseren Hof, um die Höhner mit Pfeilen zu erlegen. In
der letzten Zeit habe ich allerdings in Rio gelebt, wo es relativ
wenig Indios gibt, aber trotzdem trifft man so auf zwei- bis dreihundert
am Tag".
Allgemeine Erleichterung. Lächeln, man wirft sich zufriedene Blicke
zu, ein Meer erhobener Hände, Fragen über Fragen.
"Und ihre Bräuche behalten sie in Rio bei?"
"Das hängt vom Stamm ab. Einige sind mehr oder weniger assimiliert.
Andere nicht, so dass es schon vorkommen kann, dass man in einem
Bus sitzt und ein kleiner, nackter, ganz gemalter Indio neben
einem Platz nimmt".
"Und der Kannibalismus?"
"Der wird praktisch nicht mehr ausgeübt, obwohl einige Gruppen
von Umweltschützern gegen die weisse Unterdrückung dieses Jahrtausendealten
indianischen Brauches protestiert haben. Aber hin und wieder hört
man, dass sie einen verspeist haben, im allgemeinen einen von ihren
eigenen Leuten".
"Und wie stehen Sie zur Auslöschung der Indianer?"
"Ich bin natürlich radikal dagegen. Weil das für mich selbst
ja praktisch auch Selbstmord bedeuten würde. Wie Sie klar an meinen
Äusseren erkennen können, habe ich Indianerblut in mir. Ein Viertel.
Meine Grossmutter mütterlicherseits war vom Stamm der Caeté, die
berühmt sind, weil sie im 17.Jh. einen portugiesischen Bischof
verspeist haben".
Beifall, viele Male ein herzlicher Händedruck, grosser Erfolg.
Und zwar so gross, dass ich denke, ich werde diese Art von Erörterung
nun in allen Lebensbereichen anwenden, solange ich noch in Berlin
bin. Nein, wenn ich es recht überlege, tue ich das schon. Gestern
ging meine Frau ans Telefon und bat den Anrufer am anderen Ende
der Leitung nach einem kurzem Wortwechsel, er möge bitte einen
Augenblick warten.
"Da ist ein sehr netter Deutscher", sagt sie, "der
ein Hörspiel über Amazonien produziert und Stimmen von Amazonaskindern
braucht. Er hat erfahren, dass wir zwei kleine Kinder haben, und
möchte wissen, ob die beiden diese Stimmen im Stück spielen können.
Soll ich ihm erklären, dass unsere Kinder nicht aus Amazonien sind
und auch nie dort waren?"
"Nein," sagte ich, "frag ihn, wieviel er bezahlt.
Und sag ihm, wenn er jemanden für die Rolle des Häuptlings braucht,
dann übernehme ich das".