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Zivilgerichtliche Auseinandersetzungen sollte man
in Brasilien wie in jedem anderen Land nicht suchen. Eine
frühzeitige Absicherung für den Fall von Auseinandersetzungen ist
ausgesprochen sinnvoll; legale, paralegale und illegale Alternativen
zur Inanspruchnahme der Gerichte sind jedem Brasilianer geläufig und
tägliche Praxis.
Die brasilianische Arbeitsgerichtsbarkeit ist ähnlich der
deutschen aufgebaut. In erster Instanz sind mit einem Berufsrichter
und zwei ehrenamtlichen Richtern besetzte Arbeitsgerichte "Juntas do
Conciliação e Julgamento" zuständig, die als eher
arbeitnehmerfreundlich gelten. Im Gegensatz zur ordentlichen
Gerichtsbarkeit besteht auch kein Anwaltszwang. Berufungsinstanz
sind die "Tribunais Regionais do Trabalho". Dritte und letzte
Instanz ist der "Tirbunal Superio do Trabalho" in
Brasília. Auch in den höheren Instanzen gibt es durch
Arbeitsnehmer- und Arbeitgeberverbände paritätisch bestimmte
ehrenamtliche Richter, jedoch überwiegen hier die Berufsrichter.
Im übrigen unterscheidet sich die brasilianische
Gerichtsorganisation sehr von der deutschen. Es gibt keine eigenen
Verwaltungs-, Finanz- oder Sozialgerichte, sondern eine einheitliche
"Justiça Civil". Hier besteht grundsätzlich Anwaltszwang. In erster
Instanz ist ein Einzelrichter "Juiz de Direito" berufen. An vielen
Orten auf dem Land gibt es nur einen einzigen Richter, der dann für
alle Rechtsstreitigkeiten seines Sprengels "Comarca", ob nun straf-,
zivil- oder verwaltungsrechtlich, zuständig ist. Gibt es, wie in den
Landeshauptstädten, mehrere Richter, so werden die Zuständigkeiten
zum Teil nach einem ausgefeilten System unter den verschiednen
Dezernaten "Varas" aufgeteilt. Hier gibt es dann eigene Familien-
oder Vormundschaftsdezernate oder solche für Streitigkeiten mit der
Sozialversicherung, der Gemeinde oder dem jeweiligen Bundesstaat. In
einigen Landeshauptstädten gibt es zudem Stadtteilgerichte "Varas
regionaias".
Berufung "Apelação" und Beschwerde "Agravo" führen zum Obersten
Gericht "Tribunal de Justiça" des jeweiligen Bundesstaates. Einige
Bundesstaaten haben zur Entlastung ihres Obersten Gerichts für
weniger bedeutende Rechtsmittel ein Unteres Berufungsgericht
"Tribunal de Alçada" eigerichtet. Als dritte Instanz hat der nach
1988 neu geschaffene "Tribunal Superior de Justiça" in Brasília den
"Supremo Tribunal Federal" abgelöst. Dieser wurde mit der Verfassung
von 1988 zu einem reinen Verfassungsgerichtshof, der allein für
Staats- und Verfassungsstreitigkeiten zur Verfügung steht.
In den letzten Jahren wurden in den
Grossstädten
nach dem Vorbild der nordamerikanischen "Small Claims Courts"
zusätzlich besondere Gerichte für kleinere Streitigkeiten (Juizados
Especiais de Pequenas Causas" eingerichtet, vor denen ohne
Anwaltszwang in einem raschen und informellen Verfahren bestimmte,
kleinere Zivilrechtsstreitigkeiten ausgetragen werden können, falls
der Kläger eine natürliche Person ist.
Die brasilianischen Richter sind grundsätzlich Berufsrichter, die
nach Jurastudium und Aufnahmeprüfung "Concurso" und einer
zweijährigen Probezeit auf Lebenszeit ernannt werden. Ihre Zahl ist
auch im internationalen Vergleich durchaus beachtlich. Sie liegt mit
etwa 45 Richtern auf eine Million Einwohner immerhin in der Nähe der
Niederlande und weit über derjenigen Japans. Die personelle und
materielle Ausstattung der einzelnen Gerichte ist jedoch sehr
unterschiedlich. In wohlhabenderen Bundesstaaten, höheren Instanzen
und der Bundesjustiz ist sie vergleichsweise gut, auf dem Land und
auch in den Hauptstädten ärmerer
Bundesstaaten
ist sie nicht selten mehr als prekär. Die Bezüge der Richter sind
zum Teil recht ansehnlich, schwanken aber regional sehr. Die
Besoldung der Justizbediensteten ist häufig unzureichend und schafft
zum Teil grosse Probleme, qualifiziertes Personal einzustellen und
zu halten.
Dem entsprechen verbreitete Vorwürfe von Korruption unterhalb der
Richterebene. Im Hinblick auf die generell nicht unbeträchtliche
Verfahrensdauer ist eine durch Zuwendungen an den Gerichtsvollzieher
vereitelte Zustellung oder eine verzögerte oder beschleunigte
Vorlage der Akten beim zuständigen Richter auch für die Parteien von
erheblicher Bedeutung. Nicht auffindbare oder "verschwundene" Akten
können im übrigen auch in Strafverfahren das Ergebnis erheblich
beeinflussen.
Die eigentlichen Gerichtskosten sind, soweit es nicht zur
Einholung aufwendiger Sachverständigengutachten kommt, nicht allzu
hoch. Entscheidender Kostenfaktor sind die Anwaltshonorare, die auch
bei vollständigem Obsiegen nicht immer voll erstattet werden und vor
Einleitung eines Verfahrens ausgehandelt werden sollten, da sie
nicht gesetzlich fixiert sind. Über die Vorstellung der Anwaltschaft
von den ortsüblichen Honoraren gibt die jeweilige Anwaltskammer
"Ordem dos Advogados do Brasil, OAB" Auskunft. Internationale Büros
arbeiten auf Stundenbasis. Die Zivilprozessordnung geht von der
Erstattung von 10 bis 20% des Wertes im Falle der Verurteilung des
Gegners aus.
Es gibt in Brasilien nach Angaben der Anwaltskammer über 200.000
eingetragene Anwälte. In den grossen Städten sind internationale
Büros zum Teil auch sprachlich auf deutsche Mandanten und ihre
Probleme im Wirtschafts-, Sachen-, Personen- oder Familienrecht
spezialisiert.
Auch die brasilianische Ziviljustiz wird sowohl unter Juristen als
auch von der Gesellschaft massiv kritisiert. Hauptkritikpunkt ist
dabei die Verfahrensdauer, erschwerter Zugang, insbesondere für die
Unterschicht, Kosten, Korruption zumindest unterhalb der
Richterebene und Formalismus. Die Tatsache, dass die Zivilgerichte
trotzdem in hohem Masse in Anspruch genommen werden, relativiert
diese Kritik. Man sollte daher, jedenfalls bei berechtigten
Ansprüchen, nicht von vorneherein auf die mögliche Inanspruchnahme
der Gerichte verzichten, sich aber auch keine übertriebenen
Hoffnungen auf eine rasche positive Entscheidung machen, sondern
weiter auch eine aussergerichtliche Lösung suchen. Letztlich werden
die meisten Verfahren, wenn sie vom Kläger und seinem Anwalt mit dem
nötigen Nachdruck betrieben werden, mit einem gerichtlichen oder
aussergerichtlichen Vergleich abgeschlossen.
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