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Rechtsordnung und Gesetz

   
     

Rechtspflegeeinrichtungen dienen dazu, Straf- und Regelungsansprüche des Staats durchzusetzen, gegen rechtswidriges Verhalten staatlicher Stellen zu schützen und Reglungsinstanzen für private Konflikte zu bieten. In Brasilien stehen hierfür fünfzehntausend Richter und Staatsanwälte, über 200.000 eingetragene Rechtsanwälte, ein Heer von Justiz- und Polizeibeamten und 2.500 Hafteinrichtungen bereit. Jährlich mehrere Millionen neu eingeleitete Zivil- und Strafgerichtsverfahren sowie 60.000 Häftlinge zeigen, dass diese Rechtspflegeeinrichtungen auch intensiv genutzt werden.

Brasilianische Gesetzestexte sind zum Teil recht modern, die juristische Diskussion, etwa zu Datenschutz und Abhörbefugnissen, bewegt sich auf hohem und aktuellen Niveau. Die formale Grundordnung ergibt sich aus der brasilianischen Verfassung von 1988. Zahlreiche Publikationen, altehrwürdige Zeitschriftenreihen und eine grosse Zahl von Bibliotheken stehen für eine umfassende Rechtsliteratur. Über hundert Rechtsfakultäten entlassen jedes Jahr zehntausende von Juristen auf den Arbeitsmarkt.

Im heutigen Brasilien ist die staatliche Gewalt in vielen Landesteilen nicht oder kaum präsent: Die wenig erschlossenen Urwälder des Amazonas oder durch lokale Banden kontrollierte Elendsviertel, wie Rocinha in Rio de Janeiro, sind deutliche Beispiele. Doch auch wo staatliche Einrichtungen erreichbar sind, kommt die formale Rechtsordnung entsprechend der sozialen Realität des Landes nicht oder nur eingeschränkt zur Anwendung.

Formelle Strukturen staatlicher Einrichtungen und offizielles Recht entsprechen den sozialen Bedingungen häufig nicht. So ist ein Zugang zur Ziviljustiz für die brasilianische Unterschicht nicht nur aufgrund der sogenannten Zugangsbarrieren (Verfahrenskosten) beschränkt, sondern auch von geringer Bedeutung, so lange die brasilianische Rechtsordnung ihr praktisch keine relevanten einklagbaren Ansprüche einräumt oder einräumen kann.

Ähnlich wird die Abwehr von Landbesetzungen selten im Bereich der Justiz thematisiert, zahlreiche Morde an "Posseiros" und ihren Anwälten zeigen dies überdeutlich. Auch Arbeitnehmerrechte werden häufig allenfalls nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses eingefordert; ebenso lassen halblegale oder illegale Beendigungen von Mietverhältnissen rechtlichen Schutz häufig leerlaufen. Während Schuldnerschutzvorschriften einerseits durch einschneidende Formen der Forderungsbetreibung unterlaufen werden, entziehen sich bewegliche Schuldner diesen wiederum durch Ortswechsel.

Geltung hat das formale Recht in Brasilien daher nur partiell. Staatliches Recht und gesellschaftliche Wirklichkeit stehen in vielschichtiger und widersprüchlicher Beziehung. Dies zeigt sich in besonderem Masse im Bereich der Justiz: Sie wird massiv kritisiert, Ungerechtigkeit, Ineffizienz, ungleicher Zugang, Langsamkeit und überhöhte Kosten sind typische Vorwürfe. In Umfragen gibt ein Grossteil der Befragten an, in die Justiz kein Vertrauen zu haben. Die Meinung, der Gerechtigkeit müsse notfalls eigenhändig zum Sieg verholfen werden, ist weit verbreitet. Lynchjustiz, Todesschwadronen und private Rechtsdurchsetzung in allen Bereichen unterstreichen dies deutlich.

Strafjustiz und Strafverfolgungsbehörden können allenfalls mit starken Einschränkungen den Anspruch erheben, das offizielle Recht durchzusetzen. Dabei spielen auch informelle Mechanismen wie der brasilianische "Jeito", persönliche und politische Beziehungen oder finanzielle Beeinflussung ein grosse, regional oder auch Personengebunden aber durchaus unterschiedliche Rolle. Die Ziviljustiz wirkt ihrerseits kaum in den Bereich der Unterschicht hinein. Sie wird im wesentlichen von Wirtschaft und Mittelschicht für deren zivil-, steuer- und verwaltungsrechtliche Streitigkeiten in Anspruch genommen. Auch hier hat sie aber aufgrund ihrer strukturellen Beschränkungen und der Möglichkeit des Rückgriffs auf wirkungsvolle legale und illegale Alternativen eine beschränkte Bedeutung. Trotzdem findet die These einer weitgehend Irrelevanz der Ziviljustiz für Brasilien in der Statistik keine Stütze: Die brasilianischen Zivilgerichte werden weit häufiger in Anspruch genommen als diejenigen der Niederlande oder Frankreichs.

Formal besteht in Brasilien eine einheitliche Rechtsordnung und ein einheitliches Justizsystem. Real ist die Gleichzeitigkeit unterschiedlichster Verhältnisse vorherrschend. Brasilien ausserhalb der formalen Rechtsstrukturen als Einheit zu betrachten, ist daher eine grobe Vereinfachung.

 

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