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"Ordem
e Progresso" - so lautet der Wahlspruch, der in die blaue
Himmelskugel der brasilianischen Flagge auf gelber Raute und grünem
Grund gestickt ist. Ordnung und Fortschritt - das war das Ideal des
französischen Philosophen Auguste Comte, das sich die junge
brasilianische Republik von 1889 zu eigen machte.
Genaugenommen war die zarte Pflanze der Demokratie schon erblüht,
als 1822 der Prinzregent die Unabhängigkeit vom Mutterland Portugal
ausrief und sich wenig später als Monarch einer eigenen
brasilianischen Verfassung unterwarf. Brasilien blickt also auf mehr
als 170 Jahre konstitutionelle Tradition zurück. Bis zum Beginn
dieses Jahrhunderts blieb Brasilien jedoch ein Ständestaat der
Landaristokratie, der Militärs und der Geistlichkeit. Den Aufbruch
in die moderne lndustriegesellschaft signalisierten erst die
Verfassungen von 1934 und von 1946.
Ein allgemeines, freies Wahlrecht mit direkten und geheimen Wahlen
zum Nationalkongress und zum Amt des Präsidenten der Republik sowie
die Garantie der demokratischen Grundfreiheiten fielen zusammen mit
der Verwirklichung eines alten Traumes: dem in der zweiten Hälfte
der fünfziger Jahre begonnenen Bau einer modernen, funktionellen
Hauptstadt im menschenleeren Innern des Landes - Brasilia.
Das von Oscar Niemeyer entworfene Kongress-Gebäude in Brasilia
symbolisiert die demokratische Verfassung der grössten
lateinamerikanischen Nation auf architektonisch elegante Weise: die
Kuppel des Senats auf der einen Seite, die Schale der
Abgeordnetenkammer auf der anderen, ausgewogen durch den
Hochhausturm in der Mitte - wie eine Waage, die am "Platz der Drei
Gewalten" durch den offenen Präsidentenpalast (Palácio do Planalto)
und das über dem Boden schwebende Gebäude des Obersten Gerichtshofes
eingerahmt wird.
Die Teilung der politischen Macht in die klassischen drei Gewalten
(Exekutive: der Präsident und seine Regierung; Legislative: der
Kongress; Judikative: die unabhängigen Gerichte), das föderative
Prinzip (26 Bundesstaaten und der Bundesdistrikt Brasilia mit
eigener demokratischer Verfassung) und die Garantie der bürgerlichen
Grundrechte sind die Säulen der brasilianischen Demokratie.
1964 jedoch kippte diese fein austarierte Balance: Die Militärs
sahen sich zum Eingreifen veranlasst, weil der Grundkonsens der
Gesellschaft im Zuge einer sich zuspitzenden politischen im Chaos
unterzugehen drohte. Brasilien wurde bis 1985 von Vertretern des
Militärs regiert. Bereits 1974 hatten unter General Ernesto Geisel
erneut Parlamentswahlen stattgefunden, wenn auch die politi-schen
Parteien noch einer Zensur unterlagen. Die "abertura", die
politische Öffnung, und der schrittweise Rückzug der Militärs aus
der Politik, waren jedoch nicht mehr aufzuhalten. 1982 fanden die
ersten freien Wahlen in den Bundesstaaten statt, 1984 demonstrierten
Millionen Brasilianer für das Recht auf freie und direkte Wahlen
ihres Staatsoberhaupts. So weit wollte der Kongress damals aber nicht
gehen: Man einigte sich jedoch auf freie, indirekte Wahlen, so wie
sie in einem parlamentarischen Regierungssystem üblich sind. Im
Januar 1985 bestimmte eine Wahlversammlung Tancredo Neves zum neuen
Präsidenten. Sein tragischer Tod verhinderte jedoch den Einzug in
den Palácio do Planalto, und Vizepräsident Jose Sarney rückte
verfassungsgemäss zum Staatspräsidenten auf. Während seiner Amtszeit
wurde das Fundament für die geltende Staatsordnung Brasiliens
gelegt.
Die verfassungsgebende Versammlung verabschiedete am 15. Oktober
1988 eine neue Magna Charta. Es war die achte Verfassung in
Brasiliens Geschichte und, nach Meinung internationaler
Verfassungsjuristen, eines der freiheitlichsten Grundgesetze
überhaupt. Die Bevölkerung trug mit 61.142 Eingaben zu dieser
Verfassung bei, die verfassungsgebende Versammlung tagte über einen
Zeitraum von 19 Monaten. Niemals zuvor in der Geschichte ist ein
solches Werk so ausführlich diskutiert und so gründlich
ausgearbeitet worden.
Die Bewährungsprobe der neuen Verfassung kam bald: Im November
1989 fanden die ersten freien direkten Wahlen zum Staatsoberhaupt
seit 1960 statt, aus denen der junge Fernando Collor als Sieger
hervorging. Drei Jahre später, am 29. Dezember 1992, bestätigte der
Kongress das Impeachment gegen Collor wegen Korruption und
persönlicher Bereicherung. Verfassungsgemäss übernahm sein
Stellvertreter, Vizepräsident Itamar Franco, nun das Amt für den
Rest der Legislaturperiode.
Mit dieser Verabschiedung der neuen
Verfassung im Jahre 1988 wurden den Brasilianern das Recht der freien
Rede sowie das Streikrecht zugebilligt und Folterungen verboten.
Diese Verfassung räumte allen Staatsbürgern ab 16 Jahren auch das
Wahlrecht ein, selbst wenn sie nicht lesen und schreiben können.
Wahlen sind farbenfreudige Angelegenheiten und werden von den von
der Demokratie nicht gerade verwöhnten Brasilianern als Vorwände
für weitere Feste genommen. Dann bedecken Wahlplakate jede noch
so kleine Fläche an Wänden und fahren Autokonvois durch die Städte,
um dabei als Unterstützung für den jeweiligen Wahlkandidaten so
viel Krach wie möglich zu erzeugen.
Mit einer Reihe von Wirtschaftsplänen und Währungsreformen versuchten
die wechselnden Regierungen vergeblich, den Teufelskreis aus Preissteigerungen
und Währungsverfall zu durchbrechen. Erst dem damaligen Finanzminister
Fernando Henrique Cardoso gelang es im März 1994, mit dem "Plano
Real" eine solide Grundlage für beständiges Wirtschaftswachstum
und Preisstabilität zu schaffen. Von Beginn an zeigte der "Plano
Real" seine heilsame Wirkung: Die Inflation sank von monatlich
50% (Juni 1994) auf unter 2% im Jahresdurchschnitt, bei gleichzeitig
deutlichem Wirtschaftswachstum. Zum ersten Mal seit vielen Jahren
konnten gerade auch die ärmeren Brasilianer über ein steigendes
Realeinkommen verfügen.
Die Verfassung von 1988 erlaubt es dem Präsidenten, sein Kabinett
zusammenzustellen,
Gesetzgebung zu initiieren
und Beziehungen zu ausländischen Staaten zu unterhalten. Er ernennt
auch den Oberbefehlshaber der Armee und kann in allen Dingen ein
Veto einlegen. Dieser Macht des Präsidenten steht ein Parlament
mit zwei Kammern gegenüber, bestehend aus dem Senat mit 72 Sitzen
und der Abgeordnetenkammer mit 487 Sitzen. Präsidentenwahlen sind
alle fünf Jahre vorgesehen, Parlamentswahlen alle vier Jahre. Wahlen
in den
Bundesstaaten
finden ebenfalls alle vier Jahre statt, Gemeindewahlen alle drei
Jahre.
Im Jahre 1994 wurde Fernando Henrique Cardoso zum erst zweiten Präsidenten
des Landes in 32 Jahren gewählt, der durch demokratische Wahlen
in das Amt gelangte. Während seiner ersten Amtszeit wurde er so
beliebt, dass er die Präsidentschaftswahlen vom Oktober 1998 bereits
im ersten Wahlgang mit absoluter Mehrheit erneut für sich entscheiden
konnte.
Wichtige politische Ämter haben neben dem
Präsidenten die Gouverneure
wichtiger Bundesstaaten und die Bürgermeister der
Millionenstädte
inne. Diese Exekutivämter werden in allgemeinen, direkten Wahlen
besetzt, was den Amtsinhabern eine grosse Unabhängigkeit verleiht.
Erst 2002 werden wieder Neuwahlen stattfinden. Bei diesem politischen
Grossereignis wird nicht nur das Präsidentenamt neu besetzt werden.
Auch die Kongressmitglieder, die Gouverneure und die Abgeordneten
der Landesparlamente müssen sich der Wahl stellen.
Am 27. Oktober 2002 erhielt Lula da Silva dann mit 52,7 Millionen
Stimmen das beste Ergebnis, das bei Präsidentschaftswahlen in
Brasilien je erzielt worden ist. Von Januar 2003 bis Dezember 2006
wird er das Amt des Präsidenten der Föderativen Republik Brasilien
bekleiden.
Quelle: mit freundlicher
Unterstützung und Genehmigung der
Brasilianischen Botschaft in Berlin - Copyright © 2004
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