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Die "halb-versunkene Welt" im Amazonas

   
     

Im Jahre 1500 stellte der spanische Schiffskapitän Vicente Yañez Pinzón beim Erforschen der Ostküste der "Neugefundenen Welt" Südamerikas plötzlich fest, dass er rund 200 Kilometer weit draussen im offenen Meer von Süsswasser umgeben war. Verblüfft und neugierig nahm er Kurs auf das Land. Als er sich einen Weg durch ein Labyrinth von Inseln suchte, kam er auf eine durchgehende Süsswasserfläche, die so unermesslich war, dass er sie einfach "El Mar Dulce - das Süsswassermeer", nannte. Er konnte ihre Ausdehnung nicht berechnen, aber als er weiter landeinwärts fuhr, bemerkte er zu seinem Erstaunen, dass er sich auf einem 65km breiten Fluss befand. In Wirklichkeit hatte er die Mündung des Amazonas angesteuert - die so ungeheuerlich ist, dass eine dort gelegene Insel die Grösse der Schweiz hat - und befand sich mit seinem Segelschiff schon 320km weit flussaufwärts. Was er jetzt sah, war der Hauptlauf des Flusses.

Die volle Wahrheit ist sogar noch erstaunlicher. Der 6.400km lange Amazonas durchquert fast den ganzen südamerikanischen Kontinent und ist dabei selbst nur ein Teil eines umfangreichen Systems aus 1.100 miteinander verbundenen Flüssen, die zusammen ein Fünftel allen Süsswassers der Erde führen.

In dieser halb versunkenen Welt stehen sich Wasser und Pflanzen in einem unaufhörlichen Zweikampf gegenüber, indem sie im Einklang mit den Überschwemmungsperioden vor- und zurückgehen. Es gibt jedoch keine klar abgegrenzten Überschwemmungszeiten. Statt dessen bestimmen die Nebenflüsse, die im Norden von März bis Juli und im Süden von Oktober bis Januar durch Regenfälle angeschwollen sind, den pulsierenden Rhythmus dieser Bewegung. Das Hochwasser kann in Ausnahmefällen die Vegetation stromabwärts auf 800 - 1.000km zu beiden Seiten des Flusses unter Wasser setzen. Wenn das schlammige Hochwasser schliesslich wieder zurückweicht, spriesst die Vegetation erneut empor.

Alle Pflanzen müssen sich dieser nassen Wildnis anpassen, wenn sie überleben wollen. An den sumpfigen Ufern stehen Bäume auf Wurzeln, die sich wie Stelzen über die Wasseroberfläche erheben, und ihre Nebenwurzeln greifen weit aus, um das Gleichgewicht auf dem unsicheren Boden zu halten. Andere Pflanzen wie der Wasserfarn schwimmen auf dem Wasser und absorbieren Nährstoffe durch die Blätter. Die meisten blühenden Pflanzen haben eine andere Lösung gefunden: Sie haben den Waldboden verlassen und sich auf Ästen verankert, wo sie sich als Epiphythen die nötige Feuchtigkeit aus der Luft beschaffen. Auf diese Weise sind die Pflanzen gut gerüstet für den nächsten Ansturm des Wassers.

Üppig bewachsene Inseln liegen wie gezackte Bänder im breiten Tapajos. Der Tapajos durchfliesst den Norden Zentralbrasiliens und mündet bei Santarém schliesslich in den Amazonas. Wenn sein Wasser steigt, werden die Uferwiesen teilweise überschwemmt, und überall spriesst die Wasserliebende tropische Vegetation.

Ein Labyrinth von Inseln, in dem die Bäume periodisch bis an die Kronen im Wasser stehen, liegt bei Manaus, 1.500km vom Atlantik entfernt, an der Mündung des Rio Negro in den Amazonas. Die Inseln bilden sich hier aus sandigen Ablagerungen des Rio Negro, der von der stärkeren Strömung des Amazonas gebremst wird. Stromschnellen rühren das Wasser des Rio Negro am Rand des alten granitenem Guayana-Schilds auf, der die nördliche Grenze des Amazonasbeckens bildet. Bis hierher, 720km hinter dem Zusammenfluss von Rio Negro und Amazonas, ist der Fluss trotz seiner zahlreichen Sandbänke noch immer voll schiffbar.

Auf dem Rio Solimões erheben sich gespensterhaft leblose Bäume über die noch grünende Vegetation. Fehlender Sauerstoff an den Wurzeln hat sie vorübergehend erstickt. Von November bis Juni wird der Solimões, wie der Amazonas oberhalb von Manaus heisst, von Nebenflüssen überschwemmt, die durch Regenfälle in den Bergen von Ecuador und Peru angeschwollen sind. Ihr Wasser lässt den Solimões alljährlich um rund 17m ansteigen und schafft auf beiden Seiten undurchdringliche, überflutete Wälder. Erst wenn das Wasser den Fluss hinabfliesst, lebt die ertrunkene Pflanzenwelt wieder auf. das erste Zeichn für die Wiedergeburt der Bäume sind die rosaroten Knospen.

Nicht nur die unermessliche Neigung des Flussbetts, sondern vor allem die gewaltigen Wassermengen, die ihn speisen, drängen den Amazonas dem Atlantik zu. An seiner breitesten Stelle vor der Mündung, wo man das gegenüberliegende Ufer nicht sehen kann, ist er gut 11km breit und wirkt nicht wie ein Fluss, sondern eher wie ein riesiges Binnenmeer. Tausende von Salviniazeen, die zu den Wasserfarnen gehören, bilden einen grünen Teppich auf einem Igapo oder Amazonassumpf. Dieser Farn hat keine Wurzeln mehr, sondern nimmt Nährstoffe durch ein eigens angepasstes Blatt auf. Er wächst in riesigen Mengen auf den stillen Wassern der Igapos, wo der Amazonas ständig über die Ufer tritt.

 

Übersicht
Ur - Amazonas
Rio Amazonas
Amazonasbecken
Versunkene Welt



Bildband Amazônia

Bildband Amazônia

 

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