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Langsam arbeitet
sich die Motorsäge durch den dicken Baumstamm. Roter Saft quillt
heraus. Metallkelle werden in das Holz getrieben. Dann neigt sich
der mindestens zweihundert Jahre alte Arurá Vermelho zur Seite und
stürzt mit ohrenbetäubendem Krach zu Boden. Pedro hat ganze Arbeit
geleistet.
Wieder ein Urwaldriese weniger? Ist erneut ein Stück des Regenwaldes
unwiederbringlich zerstört? Nein, nicht hier im brasilianischen
Itacoatiara, Pedros Heimat, die eine knappe Flugstunde von Manaus
entfernt liegt. Der Urwaldriese mit der Registriernummer stand auf
dem Gebiet, das Pedros Arbeitgeber, dem
schweizerisch-brasilianischen Unternehmen Precious Woods gehört. Und
das geht mit dem Regenwald und seinen wertvollen Erzeugnissen
weitaus umsichtiger um als die meisten anderen Holzfirmen am
Amazonas. Precious Woods setzt ein hier bislang noch weitgehend
unbekanntes Konzept in die Realität um - nachhaltige
Forstwirtschaft.
Das 77.000 Hektar grosse Gebiet, das dem Untenehmen mittlerweile
gehört, ist der Übersicht halber in kleine, 400 mal 250m grosse
Parzellen unterteilt. Baumbestand, Artenreichtum, Durchmesser und
Alter der Bäume sowie die Holzqualität sind akribisch katalogisiert.
Die eigentliche Pionierarbeit beginnt jedoch beim Fällen. Zunächst
befreit Pedro mit einigen seiner 345 Kollegen Baum Nummer 327 von
Schlingpflanzen und bestimmt mit geschultem Auge die optimale
Fällrichtung. So kann er beim Umstürzen keine anderen Bäume
mitreissen. Und der Abtransport erfolgt auch nicht mit
tonnenschweren Bulldozern, die den empfindlichen Boden zerstören.
Die Stämme werden vielmehr mit Seilwinden auf die Transportwege
gezogen und dann verladen.
Etwa hundert ausgewählte Bäume unterschiedlicher Art fällen die
Männer von Precious Woods in jeder Woche von Mai bis Dezember. In
der übrigen Zeit regnet es zu stark. Ohnehin wird das Unternehmen
nur insgesamt zehn Prozent aller Bäume in seinem Waldgebiet
schlagen. 20.000 Hektar bleiben sogar völlig unangetastet, ebenso
die Umgebung der zahlreichen Bäche und Quellen. So wird der Wald
genutzt und bleibt gleichzeitig doch erhalten. Vorbild ist die
Natur: Alte Stämme fallen um und machen Platz, damit kleine
nachwachsen können. Der Regenwald verheilt wie von selbst. Es wird
nur so viel Holz geschlagen, wie in einem Bewirtschaftungszyklus von
etwas 25 Jahren nachwachsen kann.
Im eigenen Sägewerk wird das Holz zu einfachen Produkten wie Nut-
und Federbrettern oder Kleinteilen für Möbel verarbeitet. Wegen der
niedrigen Holzpreise in Brasilien exportiert man die gesamte
Produktion - vor allem in die USA, aber auch nach Europa. Baumstämme
für den Bühnenbau an der Küste von Mecklenburg-Vorpommern lieferte
Precious Woods.
Für seine Pionierarbeit in Sachen Umweltschutz wurde dem Unternehmen
1997 das internationale FSC-Siegel "Forrest Stewardship Council" für
nachhaltige Waldbewirtschaftung verliehen. Auch soziale Kriterien
und die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter spielen dabei eine
Rolle.
Wirtschaftlich tat sich Precious Woods anfangs schwer. Nach vier
Jahren erzielte das Unternehmen jedoch einen ersten Gewinn. Denn
nachhaltig gewonnenes Tropenholz ist zwangsläufig teurer und kann
sich seinen Markt nur langsam erobern. Auf dem Weltmarkt hat es erst
einen Anteil von weniger als einem Prozent. Denn dort dominiert nach
wie vor das Tropenholz, das nicht aus der nachhaltigen
Forstwirtschaft stammt und oft auch illegal geschlagen wird.
Mehr als ein Achtel des Regenwaldes am Amazonas, dem mit etwa vier
Millionen Quadratmetern weltweit grössten Regenwaldgebiet, sind
durch Brandrodung und Abholzen bereits für immer verloren. Das hat
schlimme Folgen nicht nur für die einheimische Artenvielfalt und das
globale Klima. Deshalb haben die sieben wichtigsten
Industrienationen auf Initiative der Bundesregierung bei ihrem
Gipfeltreffen 1990 ein Pilotprogramm zur Rettung der brasilianischen
Regenwälder beschlossen. Einen Grossteil der dafür erforderlichen
Gelder finanziert die KfW "Kreditanstalt für Wiederaufbau" aus
Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit
und Entwicklung. Damit werden vor Ort Behörden und
Nichtregierungsorganisationen sowie nicht zuletzt die nachhaltige
Bewirtschaftung des Regenwaldes gefördert.
Auch Precious Woods profitiert davon: Mit KfW-Unterstützung
errichtet man ein Ausbildungs- und Informationszentrum. Dort sollen
die Erfahrungen und das Wissen über die nachhaltige
Regenwald-Bewirtschaftung dokumentiert und an andere weitergegeben
werden. Auch die Auflagen der brasilianischen Forstbehörde für die
rund 2.500 anderen Holzfirmen in Amazonien orientieren sich
inzwischen mehr und mehr an den von Precious Wood gesetzten
Standards. Doch nur vier von ihnen haben bislang eine FSC-Lizens.
Denn das Vorzeige-Unternehmen ist erst ein Anfang auf dem Weg zur
nachhaltigen Nutzung des riesigen Regenwaldes am Amazonas.
Quelle: "Chancen" - das Magazin der
KfW-Bankengruppe -
Ausgabe 1/2002
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