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Irgendwo im
Amazonas-Gebiet regnet es immer. Der Äquator verläuft durch die
Mündung des Flusses und durchschneidet die gesamte Region. Nördlich
von ihm fällt der Höhepunkt der Regenzeit in den Juni, südlich von
ihm in den Dezember oder Januar. Das Steigen und Fallen des Flusses,
zuerst im Norden, dann im Süden, bewirkt, dass das Wasser im
gesamten Amazonasgebiet pulsiert wie ein riesiges Herz.
Es ist eine Welt, die in sich vollkommen ist, nach ihren eigenen
Gesetzen lebt und Verhältnissen angepasst ist, die - wenn auch
vielleicht nicht einmalig auf unserem Planten - doch in ihrem
Ausmass einmalig sind. Zuerst einmal fehlen die dem Europäer
vertrauten Anhaltspunkte, die Jahreszeiten. Es gibt weder Frühling
noch Sommer, Herbst und Winter, nur nasse und trockene Jahreszeiten,
die am oberen Amazonas ohnehin kaum voneinander zu unterscheiden
sind, und die ständige feuchte Äquatorialhitze. Die
Durchschnittstemperatur in Manaus beträgt 27°C und schwankt jahrein,
jahraus, Jahr um Jahr zwischen 22 und 33°C.
Pflanzliches und tierisches Leben scheinen völlig planlos.
Laubabwurf, Knospen und Blühen, Mauser, Paarung und Brut - alles
geschieht zur gleichen Zeit. Gelegentlich erblühen Pflanzen nach
einem heftigen Regen, als wäre es plötzlich Frühling geworden. Am
Mittag verstummen die Vögel, Bäume lassen die Blätter hängen, und
Blüten fallen ab, als wäre der Herbst gekommen. Von der Frische des
Morgens bis zur schlaffen Hitze des Nachmittags scheint das Leben
sämtliche Jahreszeiten zu durchlaufen. Und dennoch wird der Wald,
von einigen wenigen Regionen mit Laubabwerfenden Bäumen abgesehen,
niemals braun. Hitze und Wasser des Amazonasgebiets lassen die
Vegetation so ununterbrochen und üppig gedeihen, als würde sie von
einem riesigen Gewächshaus geschützt.
Das Ausserordentlichste am Amazonas und seiner Landschaft ist: dass
er unverändert und ungestört seit über einhundert Millionen Jahren
existiert. Wenn man sich vorstellen will, was das bedeutet, muss man
sich erinnern, dass es die Wälder der gemässigten Zonen, Europas und
Kanadas zum Beispiel, erst seit der letzten Eiszeit gibt, das
heisst, dass sie mit ihren blossen 11.000 Jahren nur ungefähr ein
Tausendstel des Alters der Amazonas-Wälder erreicht haben. Zwar
verwandelte das trockenere Klima der Eiszeit auch Teile des
Amazonasgebietes vorübergehend in Savannen, doch blieben viele
isolierte Gegenden von der Veränderung verschont. Damit ist der
Amazonas einer der letzten Orte auf Erden, der tiefe Einblicke in
die Vergangenheit gestattet - wo man einen Baum berühren kann und
dabei begreift, dass seine dünne Rinde, seine Brettwurzeln, sein
gerader, dem Licht zustrebender Stamm Pflanzenteile sind, die sich
noch im Urzustand befinden.
In diesem riesigen, üppigen Treibhaus hat der Kampf uns Dasein ein
höchst komplexes Niveau erreicht. Die stets gleichen
Umweltbedingungen ermöglichen Pflanzen und Tieren die Entwicklung
von vielfältigsten Formen. So überrascht es nicht, dass es am
Amazonas wesentlich mehr Arten tierischen und pflanzlichen Lebens
gibt als irgendwo sonst auf erden. Paradoxerweise sind jedoch die
Individuen einer Art nur schwer zu finden. Entdeckt man an einer
Stelle einen bestimmten Baum, muss man meilenweit laufen (wenn man
kann), um ein zweites Exemplar dieser Art zu finden - ungeachtet der
Tatsache, dass dieser Baum buchstäblich millionenfach in diesem Wald
vorkommt. Dieses Erscheinungsbild ist das genaue Gegenteil dessen,
was man in einem gemässigten Klima gewohnt ist, wo bestimmte Arten
dominieren. Und was für die Vegetation gilt, gilt für alle
Lebensformen.
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