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Unter
bahianischer Kultur wird fast immer die afrobrasilianische Kultur
an der Küste des Bundesstaates, im Recôncavo und vor allem in
Salvador
verstanden. Doch innerhalb Bahias existieren - vereinfacht gesehen
- zwei Strömungen: die afrikanisch inspirierte Kultur der Küste und
die stärker portugiesisch-indianisch beeinflusste Nordost-Kultur des
Inlandes.
Der frühe bahianische Barockstil ist noch stärker am portugiesischen
Vorbild orientiert als die später im Goldrausch errichteten Kirchen
in den Minengebieten des Südostens. So wurden viele Baupläne noch
in Nordportugal konzipiert und teilweise in Rom vom Vatikan abgesegnet.
Neben den Architekten und Facharbeitern aus dem Mutterland kamen auch
Baumaterialien, insbesondere die berühmten weissblauen Kacheln "Azulejos"
und Marmorsteine aus Übersee.
Auffällig ist, dass der Tropen-Barock von den damaligen Reisenden,
die sonst umfangreiche, genaue Beschreibungen aus der Neuen Welt lieferten,
kaum registriert wurde. Wenn, dann wurden die Bauten als Beispiele
aufgepfropfter europäischer Kultur betrachtet, als "überladene
Monumente von schlechtem Geschmack oder populären Aberglaubens".
Es entwickelten sich auf der Grundlage europäischer Vorbilder ein
eigenständiges brasilianisches Kunstschaffen. Einheimische Facharbeiter,
Maurer, Zimmermänner, Tischler, Bildhauer und Maler, ersetzten immer
häufiger die Handwerker und Künstler aus dem Mutterland.
Die Barockbauten des historischen Zentrums von Salvador wurden 1985
von der UNESCO zum schützenswerten Kulturgut erklärt und stehen seitdem
unter Denkmalschutz. Viel zu lange aber wurde für Erhaltung des "grössten
Barockslums der Welt" so gut wie nichts getan, wie Gilberto Gil,
der ehemalige Kultursekretär aus Bahia, frotzelt. Erst im Jahre 1993
begann der damalige Gouverneur Antônio Carlos Magalhaes mit seinem
ehrgeizigen Restaurierungsprogramm. Gemäss offizieller Version wurden
mittlerweile mehr als 345 Häuser restauriert und der ehemalige Rotlichtbezirk
ist zum bevorzugten Ausgehviertel avanciert.
Die afrikanische Kultur
Barock in Bahia, das ist auch die Überschwänglichkeit und der
Prunk der Feste und
Prozessionen, welche vor allem die Afrikaner und ihre Nachkommen in
Brasilien behielten.
Während der Kolonialzeit gab es in den Städten eine strenge räumliche
Trennung zwischen den Rassen: Die Strasse gehörte den Sklaven, Afrikanern
und Mischlingen und wurde von den Portugiesen gemieden. Es galt als
unfein, sich länger als notwendig dort aufzuhalten. Die Familien
der Kolonisatoren verbrachten den grössten Teil ihres Lebens in den
Häusern. Folge dieser Apartheid war, dass sich die Strassen in Salvador
für die afrobrasilianische Bevölkerung zu einem relativ freien Raum
entwickelten, in dem sie ihre Traditionen wenigstens zeitweise ausserhalb
der direkten Kontrolle der Kolonialmacht ausüben konnten.
In Brasilien heisst es, dass die vielen Feste in Bahia zum Arbeiten
keine Zeit liessen. Tatsächlich finden von Anfang Dezember bis zum
Beginn der Fastenzeit jede Woche in einem anderen Stadtteil Salvadors
oder im Recôncavo die traditionellen Lavagens statt. Diese "Reinigung
der Kirchentreppen" sind tief im
religiösen und profanen Alltag verwurzelt. Dieses ursprünglich
nur wenige Stunden dauernde Ritual hat sich längst zu einem mehrtägigen
Volksfest ausgeweitet. An Hunderten von Stränden wird Bier ausgeschenkt,
geflirtet und getanzt. Zu den Lavagens kommen noch eine grosse Zahl
von Konzerten, Shows und anderen kulturellen Veranstaltungen während
der brasilianischen Ferienzeit hinzu. Fünf Tage Karneval
im Februar oder März bilden schliesslich den Höhepunkt und läuten das
Ende des Sommers ein.
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