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Ausgedünnte Pressestellen bei den
Unternehmen, Rückgang der Korrespondentenzahl und eine für
aussereuropäische Themen ungünstigere Verbrauchsstruktur halten den
Stellenwert Brasiliens in den nationalen Medien frustrierend gering
Welchen Einfluss haben die physische Grösse Brasiliens, seine
wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, die politisch-diplomatische
Präsenz des Landes jenseits der Grenzen und der persönliche Einsatz
der Staatsführung bei internationalen Foren auf seinen Stellenwert
in den Medien?
Natürlich konnte die Antwort darauf nur sehr summarisch ausfallen;
fast jeder Aspekt hätte zudem einer Illustration durch vergleichende
Statistiken bedurft, für die jedoch weder genügend Recherchemittel
noch Abdruckplatz verfügbar waren.
Trotz dieser Einschränkungen aber dürfte das Resümee auf der
Angebotsseite des Nachrichtengeschäfts dennoch zutreffen: der
absolute Stellenwert, den Printmedien und Fernsehen anderer Länder
Brasilien überhaupt einräumen, ist durchaus akzeptabel. Das heisst:
die Zahl der Agenturmeldungen, Korrespondentenberichte und Artikel
reisender Reporter, querbeet durch alle Themenbereiche, kann sich
wohl sehen lassen.
Freilich: eine Erwähnung im Text ist nicht so auffällig wie im Titel
eines Artikels, und von da ist es ein weiter Weg auf die erste Seite
oder gar in die Titelschlagzeile einer Publikation. an dieser
Positionierung misst sich der relative Stellenwert Brasiliens, also
seine Erwähnung im Vergleich zu anderen, von den Redaktionen für
"wichtig" erachteten, Staaten der Welt. Dieser Wert wirkt oft
frustrierend gering. Denn das Land hält sein Profil teils mit
Absicht, teils aber auch aus nachlässigen Umgang mit prinzipiell
vorhandenen Chancen meist noch zu flach.
Darüber hinaus fehlt es Brasilien in dieser Hinsicht jedoch auch an
den geeigneten Ressourcen. Das wird erkenntlich, wenn in diesem
Beitrag nun die heutigen Arbeitsbedingungen auf der Nachfrage- oder
genauer gesagt: auf der Vertriebsseite des Nachrichtenmarkts
gestreift werden.
Hierzu lässt sich zunächst sagen, dass Nachrichten aus Brasilien im
Zeitalter von Globalisierung und Internet ihre "Verbraucher"
(Redaktionen, Leser und Zuschauer) paradoxerweise wahrscheinlich
langsamer erreichen als früher. Zumindest aber hat sich das Tempo
für Neuigkeiten aus São Paulo und Rio nicht im gleichen Mass
beschleunigt wie die Verkürzung der Übermittlungszeit durch den
Computer im Vergleich zu den desolaten Telefon- und Faxverbindungen
von vor 15 Jahren. Das hat mehrere Gründe.
Erstens ging die Zahl der festangestellten oder pauschal honorierten
Korrespondenten deutscher und europäischer Medien, die sich
verpflichtet fühlen, "ihre" Zeitung (Zeitschrift, Sendeanstalt)
regelmässig auf dem Laufenden zu halten im Vergleich zu den Jahren
vor der sog. Schuldenkrise stark zurück. Ohnehin war die Zahl beim
Itamarati akkreditierter Journalisten immer vielleicht nur ein
Zehntel so hoch wie beispielsweise am Standort Paris, wo es mehr als
2.000 sind. Sogar ein grosses US-Magazin wie "Time" verfügt heute
über keinen ständigen eigenen Korrespondenten in ganz Südamerika.
Von den Fernsehsendern Europas und der USA ist in Brasilien nur das
ZDF mit einem Vollausgerüsteten Studio präsent.
Zweitens: Ein Journalist arbeitet in Brasilien prinzipiell zwar
nicht viel anders als in London, Paris oder New York: Er hat
leichter Zugang zu Informationen aus erster Hand als zum Beispiel in
Tokio. Gleichzeitig ist er (im Unterschied etwa zur EU-Metropole
Brüssel) nicht nur überwiegend auf solche Quellen angewiesen,
sondern kann zusätzlich auch aus einer Vielzahl lokaler Medien als
Informationsquellen zweiter Hand schöpfen. Nur sprudeln beide
Quellen gerade in wirtschaftsnahen Bereichen nicht nur
unregelmässiger, unzuverlässiger und damit letztlich unergiebiger
als in Europa, sondern auch als in Brasilien von vor 15 Jahren.
Denn die Pressestellen vieler einheimischer und Gastunternehmen
wurden personell ausgedünnt oder gar ganz abgeschafft und ihre
Aufgaben auf externe PR-Agenturen übertragen. Die Firmen glauben,
damit Kosten zu sparen, geben aber immer noch viel Geld für die
Produktion von Nachrichten aus, die für Journalisten wertlos sind.
Gleichzeitig bieten diesen aber auch die Sekundärquellen häufig
nicht mehr "Rohmaterial" derselben Güte wie früher. Denn den
brasilianischen Medien fällt die korrekte und attraktive Vermittlung
von Wirtschaftsthemen mangels Fach- und vor allem Stammpersonal
ständig schwerer. Dieser Verlust wirkt sich übrigens für das
südamerikanische Land nachteiliger aus als für Europa, weil er mit
seinem Anspruch auf Präsenz jenseits der Grenzen kollidiert.
Schliesslich treffen Nachrichten aus Brasilien und den übrigen
Schwellen- und Entwicklungsländern der Welt auch auf eine für sie
ungünstigere Verbrauchsstruktur in den Medien der Industrienationen.
In den Zeitungen und beim Fernsehen der EU schrumpfte das Interesse
an Themen von ausserhalb dieses Wirtschaftsblocks ähnlich wie in den
USA, wo grosse Regionalpublikationen traditionell nur
inneramerikanisch berichten.
Dazu tritt die Fixierung der Redaktionen auf das Anekdotische und
"Personalisierte" oder auf sog. "Schwerpunktthemen", die tage- oder
gar wochenlang vorrangig behandelt werden. Natürlich kann ein
solches Thema wie im Vorjahr das argentinische Finanzdebakel auch
einmal von ausserhalb der EU-Grenzen stammen. Das bildet jedoch eher
die Ausnahme als die Regel.
Zur Steigerung des Stellenwerts eines Landes trägt diese punktuelle
Thematisierung - gleich ob "positiv" oder "negativ" - jedenfalls
wenig bei.
Auszug aus: "Brasil - Alemanha" ANO
10 N°6" - Lorenz Winter
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Paulo - Câmara de Comércio e Indústria Brasil-Alemanha 2002
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