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Ganz Brasilien sieht Fern
- Entfernen Sie den Fernsehapparat aus Brasilien - und Brasilien
verschwindet!
Der Fernseher ist heute das Instrument,
welches Brasilien kennzeichnet
und nichts hat den Alltag so verändert, wie dieses Medium. Der ununterbrochen
laufende Apparat ist geradezu zum Markenzeichen intakten
Familienlebens geworden. Ist man als Gast geladen, darf man nie
erwarten, dass sich die Hauptaufmerksamkeit auf einen selbst
richtet, es bleibt einem keine andere Wahl, als das Nebengeräusch
nebst unscharfem Flimmerbild auf stoische Weise zu ertragen. Ob in
der ärmsten Hütte, ob in der Dorfkneipe mitten im Amazonas-Becken -
überall versammeln sich die Menschen andächtig um den Fernseher.
Notfalls mit Hilfe eines Generators erreichen die Nachrichten aus
der Zivilisation auch die entlegensten Urwaldregionen des Landes.
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TV Tupi 1950 |
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Das Fernsehen ist heutzutage das Medium, dass Brasilien für
Brasilien identifiziert, wie es
Maria Rita Kehl in ihrem Essay: "Ich
sah ein Brasilien im Fernsehen" treffend beschrieben hat. Das
Fernsehen vereint und ebnet ein Land, dessen Realität aus
Kontrasten, Konflikten und gewalttätigen Widersprüchen besteht. Es sind 151,5 Mill. Einwohner auf
8.547.403km² - mit den unterschiedlichsten Gewohnheiten und kulturellen
Traditionen. Insbesondere geprägt durch grosse soziale Diskrepanzen und
mit einer der schlechtesten Einkommensverteilungen der Erde. Der Fernsehapparat brachte die
Einheit - ohne ihn würde sich Brasilien nicht kennen oder zumindest
nicht als DAS Brasilien wiedererkennen!
Obwohl die Ära des Fernsehens bereit am 18.September 1950 durch die Station "Tupi São Paulo"
ins Leben gerufen wurde, begann ihre Mission als integrierender
Faktor erst zu Beginn der 70er Jahre, eine Mission im Auftrag der
Militärregierung. Die Nationale Vereinigung eines der Prioritäten
des Militärstaates entstand aus dem Bedürfnis der nationalen
Sicherheit. Es mag zwar heute etwas lächerlich klingen, aber es
sprang folgende Idee: um vor kommunistischen und subversiven
Einflüssen geschützt zu sein, musste das ganze Land unter
vollständiger Kontrolle und damit unter dem Einfluss eines
allmächtigen Kommunikationsmittels stehen. Um dies zu erreichen
hatte der Staat für die nötige Infrastruktur zu sorgen, der Rest
wurde der privaten Initiative überlassen. Das Staatsunternehmen Embratel
wurde beauftragt, das ganze Land mit Masten und Satelliten zu
versorgen und daraus entstand eines der wenigen erfolgreichen nationalen
kulturellen Projekten in der Geschichte Brasiliens.
Das bevorzugte Unternehmen zur Durchsetzung der Ziele war die "Rede
Globo", ein privates Zeitungs- und
Rundfunkunternehmen im Besitz von Roberto Marinho, dem alsbald
sowohl zweitreichsten als auch - nach dem Präsidenten -
zweitmächtigsten Mann des Landes. Der Aufstieg des Medienmultis mit
über 100 Gesellschaften begann 1962 mit staatlicher Finanzierung der
Infrastruktur, amerikanischem Kapital und Know-how des damaligen
Partners Time-Life sowie Subventionen des Militärs, die 1964 mit
Unterstützung von Globo an die Macht kamen.

Clube dos Artistas - 1952 |

Conjunto Farroupilha - 1958 |
Der erste grosse Erfolg des brasilianischen Fernsehens kam mit
der Fussballweltmeisterschaft im Jahre 1970, als der Cup von
Brasilien gewonnen und eine ganze Nation in ihrem Patriotismus vor den Bildschirmen
vereinigt wurde. Dann kamen die "Telenovelas - Fortsetzungsserien" die von
Montag bis Samstag immer zur gleichen Zeit ausgestrahlt wurden und
bis zu 70% der Bevölkerung in ihren Bann zogen. Allmählich gingen
diese Novelas in die Tagesordnung der Brasilianer über. Sogar die
typische Sprache, das aus Rio stammende "Carioca-Portugiesich" wurde
zum offiziell verwendeten Dialekt. Die Frauen vor den Apparaten
lernten, wie man sich anzuziehen hat und jeder Teenager wie ein
Flirt abzulaufen hat. Die Brasilianer fingen an, moderne Träume zu
träumen.
Diese Träume, die immer wieder Nachschub aus den
Telenovelas bekamen, sorgten für einen nicht zu unterschätzenden
Suchtfaktor. Das bedeutete: "keine Folge verpassen", was sich jedoch
nicht immer vermeiden ließ. Daher kam es den neuen Gewohnheiten der
Brasilianer sehr entgegen, als es irgendwann ihre Lieblingsfilme
neu auf
DVD gab und sie so das Versäumte nachholen konnten. Man wollte
ja schließlich mitreden können.
Hinzu kamen die grossen Sendungen mit Zuschauerbeteiligungen, ohne
deren sonntägliche Pilgerfahrten das Fernsehen wahrscheinlich seine
Grösse nicht erreicht hätte. Um das ganze Abzurunden wurde eine
nationale Institution hinzugefügt: jeden Abend um 20:00 Uhr brachte
das Jornal Nacional, die wichtigste Nachrichtensendung der Globo,
mit guten und besten Nachrichten ein Loblied auf die Nation und die
Regierung aus.
Das Fernsehen hat Brasilien mit sich selbst versöhnt. Vor einiger
Zeit kam jedoch ein Faktor hinzu, der eine Gefahr für das
demokratische Gleichgewicht darstellt und den Weg zur Irrationalität
und Intoleranz ebnet: die Fusion zwischen den Medien und den
Kirchen, die mit einfachen Mitteln ein ganzes Volk
beeinflussen können.
Das Wachstum des Fernsehens, mit Globo an der Spitze, war exponential. Im Jahre
1964, als die Geschichte des Fernsehens im Begriff war real zu
werden, hatte Brasilien 34 Fernsehstationen und 1,8 Millionen
Fernsehapparate. Bis 1987 stieg die Zahl auf 31 Millionen, von denen
bereits 12,5 Millionen in Farbe waren. Die Anzahl der Haushalte mit
Fernseher stieg von 15.885.000 (1982) auf 33.690.042 im Jahre 1995
und Globo erreichte mit seinen Anstalten fast alle Haushalte
(33.686.792). Damit wurde dieses Multiunternehmen zu einer der 6
grössten Fernsehanstalten der Welt.
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