|
"Brasilien gilt als Lokomotive der Wirtschaft Südamerikas und
entfaltete unter der Regierung von Präsident Fernando Henrique
Cardoso auch beachtliche politische Aktivität. Trotzdem verharrt es
meist im Schlagschatten der internationalen Medienaktualität. Was
sind die Gründe dafür?"
Immer wieder fragen sich die brasilianische und die deutsche
Öffentlichkeit, ob das Image des südamerikanischen Landes von den
Medien zutreffend dargestellt wird oder nicht. Zuletzt geschah das
bsp. wieder im Fall der US-Fernsehserie "The Simpsons", bei der
insbesondere das Ambiente von Rio zum Zerrbild geriet.
Nun stimmt es zwar in der Tat bedenklich, dass weder das positive
Klischee Brasiliens - "immer nur Fussball, Samba, Strand und
Karneval" - noch das negative - "nichts als Schulden, Dreck und
Gewalt" - die zeitgenössische Realität angemessen widerspiegeln.
Darüber kommt jedoch oft ein anderer Aspekt zu kurz: die Frage nach
dem Stellenwert des Landes im internationalen Nachrichtengeschäft,
also nach der Häufigkeit und Eindringlichkeit seiner Erwähnung in
Zeitungen, Zeitschriften und im Fernsehen.
Dabei geht es eigentlich weniger um den absoluten Stellenwert, d.h.
die Zahl der Agenturmeldungen, Korrespondentenberichte oder Artikel
reisender Reporter insgesamt, der querbeet durch alle Themenbereiche
durchaus akzeptabel sein mag. Vielmehr dreht es sich um die relative
Beachtung Brasiliens durch die Redaktionen im Vergleich zu anderen,
von ihnen anscheinend als wichtiger erachteten Ländern der Welt.
Dass dieser relative Wert nicht allzu hoch sein kann - was übrigens
auch für die Wahrnehmung Deutschlands durch brasilianische Medien
gilt - , war zum Beispiel an der Behandlung des Staatsbesuchs von
Bundeskanzler Gerhard Schröder in Lateinamerika zu erkennen.
In Brasilien traf der Kanzler - wohl aus Terminnot wegen des in
beiden Ländern anlaufenden Wahlkampfs - ausgerechnet am frühen
Morgen des Aschermittwochs ein. Deshalb begann Schröder seinen
Besuch in der
Industriemetropole São Paulo, deren einheimische und Gastfirmen
bereits wieder fleissig werkelten. Aber ein ernstzunehmendes
Presse-Echo auf seine Stippvisite bei einer Handvoll solcher
Unternehmen und tags darauf dann bei Präsident Cardoso durfte der
deutsche Politiker schon bei seiner Ankunft gar nicht mehr erwarten.
Die brasilianischen Zeitungen hatten das Ereignis nämlich bereits
sieben Tage zuvor endgültig "abgefeiert", wie es im
Journalistenjargon heisst, die deutschen fünf Tage vor der Landung
der Kanzlermaschine. So zog Schröders Karawane denn rasch und
lautlos durch die Nachrichtenwüste: es entstand in den Medien
diesseits und jenseits des Atlantik weder Spannung im Blick auf das
spätere Resultat, noch wurde das nicht unbeachtliche Ergebnis des
Besuchs im Anschluss wenigstens kurz erwähnt oder eines Kommentars
für würdig gehalten.
Bevor nach den Gründen für eine derart eklatante Diskontierung des
Stellenwerts gesucht wird, muss vielleicht noch ein naheliegendes
Missverständnis ausgeräumt werden: ein hoher relativer Stellenwert
im internationalen Nachrichtenangebot trägt nicht zwangsläufig zu
einem besonders positiven Image des betreffenden Landes bei - obwohl
viele Kritiker einer unzureichenden Präsenz Brasiliens in den Medien
das oft stillschweigend unterstellen.
Die Logik im Nachrichtengeschäft verläuft vielmehr genau umgekehrt:
je leichter sich das positive oder auch negative Bild eines
Landes, seiner
Gesellschaft,
Wirtschaft,
Kultur usw. klischeehaft versimpeln
lassen, desto grösser ist die Aussicht auf hohes Interesse der
Medien. Das war in den 70er und 80er Jahren am Beispiel Japans zu
beobachten, als die europäischen Medien eine geradezu krankhafte
Besessenheit von diesem Thema entwickelten. Heute ist "Japanitis"
für die Medien kein Thema mehr, dafür genoss letzthin Argentinien
einen fragwürdig hohen Stellenwert. Gewiss: Der von Buenos Aires
Ende 2001 angemeldete Staatsbankrott traf Firmen, Banken und
Geldanleger hart. Doch wog die Argentinien-Krise,
makroökonomisch betrachtet, nicht schwerer als die Pleiten Mexikos,
Indonesiens oder Russlands - nur das Echo im Wirtschaftsteil der
Zeitungen glich in seinem Ausmass bisweilen den politischen
Schreckensmeldungen aus New York nach dem 11.September 2001.
Wetteiferten beide Ressorts also um die Aufmerksamkeit der Leser?
oder fehlte der "Wirtschaft" damals einfach "passender "
anderweitiger Stoff?
Wie dem auch sei, die Behandlung Brasiliens blieb in den Vormonaten
so fern von derartigen Exzessen, dass Präsident Cardoso sein Land
als "Insel der Stabilität" rühmen zu dürfen meinte. Vielleicht kam
das Lob etwas voreilig, auf jeden Fall aber bildete diese Lage
natürlich keinen schlagzeilenträchtigen Zustand. Doch schon früher
gelang es dem Land nur selten, sich beim internationalen
Aufmerksamkeitswert weit nach vor zu drängen. Nicht einmal seine
eigene "Schuldenkrise" zu Beginn der 80er Jahre verschaffte ihm
damals ähnliche Beachtung wie jetzt das argentinische Debakel. Und
sogar die eine oder andere Botschafter-Entführung während der Zeit
des Militärregimes sorgte kaum für mehr als 24 Stunden Aufregung in
den Redaktionsstuben.
Die Motive für die oft angeprangerte zu geringe Beachtung Brasiliens
in der internationalen Berichterstattung lassen sich sowohl von der
"Produktions-" - als auch von der "Vertriebs" - Seite des
Nachrichtenmarkts her durchleuchten. Unter Brasilianern selber geht
da in erster Linie die ein wenig naive Idee um, ihre Heimat verdiene
doch allein schon wegen ihrer physischen Grösse mehr Interesse. Und
in der Tat: mit einem
Territorium, auf das Deutschland etwa 24mal, ein Land wie
Österreich gar 100mal passt, bildet sie im internationalen Vergleich
ein Koloss. Dennoch reicht dieses Kriterium allein kaum zur
Faszination, sonst müsste zum Beispiel auch der Sudan das Publikum
fesseln. Doch die Zuschaustellung "zeitloser" Reize hebt den
relativen Stellenwert nur wenig, selbst wenn sie den absoluten etwas
aufplustert.
Als weitere eindrucksvolle Faktoren auf Seiten des
Nachrichtenangebots werden dann meist Brasiliens natürlicher
Reichtum, seine wirtschaftliche Leistung und die Zahl der ansässigen
Gastunternehmen (1.000 deutsche, 5.000 amerikanische u.s.w.)
angeführt. Trotz alledem verharrt es in der Berichterstattung aber
unerklärlicherweise im Schatten. Nun sind 50% des Inlandsprodukts
ganz Südamerikas wahrlich nicht zu verachten. Der ehemalige
Finanzminister Delfim Neto rückte eben jetzt aber die Perspektiven
ein wenig zurecht, als er daran erinnerte, dass Brasilien gerade
einmal zwei Prozent des weltweiten Inlandsprodukts auf sich vereint
und kümmerliche 0,7% aller Exportverkäufe. Da schrumpft der
angebliche Riese plötzlich auf Normalmass, aber im Prinzip behandeln
die deutschen und europäischen Medien ihn dennoch nicht völlig
unfair. Sein Aufmerksamkeitswert entspricht nämlich bei den
Wirtschaftsredaktionen ziemlich gut dem von Ländern mit ähnlicher
Leistungskraft.
Aber es sind ja nicht nur wirtschaftliche Kriterien, die vom
Nachrichtenangebot her den Stellenwert eines Landes beeinflussen.
Brasilien ist traditionell ein friedliebender Staat, der in 500
Jahren Geschichte nur einen
grösseren bewaffneten Konflikt ausstand: den sog. Dreibund-Krieg vor
gut 135 Jahren - allerdings nahmen brasilianische Expeditionskorps
an beiden Weltkriegen teil -. Da es ferner heute nur über eine eher
symbolische Militärmacht verfügt und auf
Atomwaffen
verzichtet hat, dringt es auch in dieser Hinsicht nicht so klotzig
ins Rampenlicht wie zum Beispiel das wirtschaftlich zehnmal kleinere
Pakistan, wenn es seinen Nachbarn Indien im Kaschmir-Konflikt wieder
einmal mit Raketen bedroht.
Politisch endlich begann das Land erst unter der jetzigen Regierung
international aktiv zu werden. So ergriff es bei der Entwicklung des
Mercosur und
anderer regionaler Gemeinschaften Südamerikas häufig die Initiative,
wehrt sich gegen einseitige Vorteilsnahme der USA in der
beabsichtigten Freihandelszone der beiden amerikanischen Kontinente
(FTAA / ALCA) und sucht stattdessen ausgewogene Beziehungen zu
Washington, Brüssel und Tokio. Bei den übrigen "kontinentalen"
Mächten - Russland, China, Indien - endlich wirbt es für die
gegenseitige Wahrnehmung ähnlicher Interessen.
Auch die zwischen Schröder und Cardoso beim Brasilien-Besuch des
Kanzlers erneut abgesprochene Unterstützung zum Gewinn eines
ständigen Sitzes im Weltsicherheitsrat gehört zu diesen Aktivitäten.
Sie wären noch gegen Ende des Militärregimes völlig undenkbar
gewesen, als Ex-US-Aussenminister Henry Kissinger beim Anblick des
Neubaus für das brasilianische Aussenministerium - Itamarati -
witzelte, nun fehle dessen Bewohnern eigentlich nur "das passende
politische Konzept".
Medienträchtig wurde das inzwischen erkennbare Konzept freilich nur
durch den ständigen persönlichen Einsatz des Staatschefs. Ob beim
Südamerikagipfel von 2001, bei seinen Ansprachen vor der
UN-Vollversammlung, dem Deutschen Bundestag oder der Französischen
Nationalversammlung - überall gewann der Präsident durch sein
Engagement nicht nur selber staatsmännische Statur, sondern
schleuste auch sein Land über Fototermine und griffige Zitate
regelmässig in den Nachrichtenstrom.
Seine Landsleute mögen diesen Eifer belächeln oder im Blick auf die
inneren Probleme Brasiliens als unangebracht tadeln. Sie vergessen
darüber nur meist, dass es in Südamerika seit Juan Perón keinen
Staatsmann mehr gab, der ähnlich wie Tschu En-Lai, Indira Gandhi,
Golda Meir, Anwar Sadat oder Nelson Mandela jedem
Nachrichtenredakteur bei den Medien der EU oder der USA ein Begriff
wäre. Vielleicht haben es Brasilien und Cardoso nach acht Jahren
Amtszeit des Präsidenten
noch nicht ganz bis zu dieser Wahrnehmungsstufe geschafft. Aber kaum
ein Zweifel kann daran bestehen, dass in diesen Jahren eine Ära
provinzieller Caudillos zu Ende ging, und sich jeder denkbare
Nachfolger Cardosos an dieser Elle messen lassen muss.
Auszug aus: "Brasil - Alemanha" ANO
10 N°5" Junho 2002-
Dr.Lorenz Winter, Wirtschaftskorrespondent der "Süddeutschen
Zeitung" für Brasilien. Der Beitrag basiert auf einem Referat vor
Mitgliedern der Generalkonsulate und der Wirtschaft Deutschland und
Österreichs in Rio. -
Copyright © AHK-São
Paulo - Câmara de Comércio e Indústria Brasil-Alemanha 2002
|
|





 |