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Literatur

   
     

Die kulturell vielfältige Ausformung verdankt die brasilianische Literatur den südamerikanischen Indios, den europäischen Kolonisatoren und den als Sklaven aus Afrika verschleppten Schwarzen. In den Jahrhunderten nach dem Beginn der Kolonialisierung des Landes durch Portugal 1532 stellte die portugiesische Sprache den engen Bezug zur literarischen Tradition Portugals her. Die Geschichte der brasilianischen Literatur ähnelt der anderen lateinamerikanischen Literatur. Vom europäischen Gedankengut beeinflusst, kann sie in die koloniale und die nationale Epoche unterteilt werden.

Koloniale Epoche

Die Literatur der Kolonialzeit ist reich an historischen und geographischen Beschreibungen. Bereits die frühesten Werke zeichnen sich durch einen deutlichen Regionalismus aus. Die Erforschung Brasiliens, die Kriege, die mit der Eroberung durch portugiesische Kolonialisten einhergingen und die frühen Ansiedelungen von Europäern auf dem Inlandplateau (Sertão) bilden die Hauptthemen der frühen Schriften. Die ersten schriftlich fixierten Werke nach der Kolonisation waren Chroniken und Versepen. Der manierierte Stil des spanischen und portugiesischen Barock, der nach seinem Hauptvertreter Louis de Góngora y Argote Gongorismus genannt wird, beeinflusste besonders Bahia, das bald schon den Ruf als führendes literarisches Zentrum des Landes genoss und zum Schauplatz vieler der frühen brasilianischen Epen avancierte. Einer der ersten Schriftsteller, die über Brasilien schrieben, war der Jesuitenpfarrer Antônio Vieira, der eine menschlichere Behandlung der Indios einklagte. Auch verfasste er rhetorisch geschliffene Predigtliteratur gegen die Niederländer, die Brasilien während des 17.Jh. wiederholt angriffen. Der Satiriker Gregório de Mattos Guerra griff zahlreiche literarische Strömungen Spaniens und Portugals aus dem 17.Jh. auf: Sein Werk weist neben lyrischen auch derb-deftige Passagen auf.

In der zweiten Hälfte des 18.Jh. übernahm die aufstrebende Bergwerksstadt Minas Gerais auch die literarische Vormachtsstellung. Zu den Epen der so genannten Minas-Schule gehört José Basílio da Gamas Uruguay (1769), das den Krieg der Spanier und Portugiesen gegen die Missionen Uruguays thematisiert und das Leben der Indios schildert. Auch Friar José de Santa Ritta Durão gehörte zur Minas-Schule; sein Epos Caramurú feiert die Entdeckung Bahias. Obwohl während der kolonialen Periode wenig Bedeutendes geschrieben wurde, ermöglichten das Wachstum und die aufstrebende Ökonomie des Landes einigen Brasilianern, von der Schriftstellerei zu leben.

Nationale Epoche

Auch im 19.Jh. spiegelten sich europäische Einflüsse in der brasilianischen Literatur wider, doch wurden sie mehr und mehr von nationalen Themen verdrängt. Ins Zentrum des Interesses rückte etwa die Beschreibung der Sertão oder des Urwalds am Amazonas (Selva). Dennoch blieben europäische Strömungen weiterhin präsent, so etwa die Romantik im Werk von Domingos José Gonçalves de Magalhães mit seinen Suspiros poéticos e sâudades (1836; Poetische Seifzer und Sehnsüchte), der andererseits der brasilianischen Lyrik neue und freiere Formen brachte und ihr somit eine gewisse Autonomie verlieh. Von grosser Bedeutung war auch der Romantiker Antônio Gonçalves Dias, der selbst von den Indios abstammte und 1858 ein Lexikon der Tupísprache zusammenstellte. Sein grösstes dichterisches Werk sind die dreibändigen Cantos (1846, 1848, 1851), teils überschwänglich-sentimentale, zumeist aber lebendige Beschreibungen der tropischen Natur. Ein weiterer bedeutender Romantiker war Antôio de Azevedo. Andere brasilianische Lyriker des 19.Jh., darunter Olavo Bilac, Raimundo Correia und Alberto de Oliveira, verstanden sich in der Tradition der französischen Parnassiens.

Als wichtigster brasilianischer Romancier des 19.Jh. gilt Joaquím María Machado de Assis, der eine psychologische, zwischen Pessimismus und skeptischer Ironie changierende Erzählweise im Roman kultivierte. Seine Memorias póstumas de Bráz Cubas (1881) waren vor allem in der englischen Übersetzung unter dem Titel "Epitaph of a Small Winner" (1952) ein beachtlicher Erfolg. Die Romane von José de Alencar spielen zumeist im Milieu der brasilianischen Indios. In Werken wie "O Guarani" (1857) veranschaulichte er sein romantisierendes Bild des naturverbundenen Lebens mit farbigen Landschaftsbeschreibungen. Zwei Autoren des 19:jh., die das Leben im brasilianischen Hinterland beschrieben, waren Bernardo da Silva Guimarães und Euclides da Cunha, dessen Meisterwerk "Os Sertões" (1902; Rebellion im Hinterland) einer der bekanntesten Texte Brasiliens ist. Os Sertões schildert den Aufstand einer Gruppe religiöser Fanatiker und entwirft ein Panorama nicht nur der Gesellschaft, sondern auch der geographischen, geologischen und sogar zoologischen Gegebenheiten des brasilianischen Hinterlandes.

Zwei Romanciers, die die Grundlage für den Realismus und den Naturalismus in der brasilianischen Literatur schufen, waren Manuel Antônio de Almeida, Autor von "Memórias de um Sargento de Milícias" (1854/55; Momoiren eines Sergeanten der Miliz) und Autor der brasilianischen Literatur gilt Aluzio Azevedo, dessen sozial engagierte Prosa auf gesellschaftliche Missstände des Landes aufmerksam zu machen suchte. Sein "O mulato" (1881) etwa erzählt das tragische Schicksal eines Mulatten, der ermordet wird, um seine Heirat mit einer weissen Frau zu verhindern. Mário de Andrade hingegen ignorierte die Tradition des Naturalismus und das Interesse seiner Zeitgenossen an gesellschaftlichen Themen, was in seinem Gedichtband "Paulicéia Desvairada" (1922) zum Ausdruck kommt. Sein Roman "Macunaíma" (1928) versucht, die Sprache seiner Heimat neu zu erschaffen. Afrikanische Einflüsse und die Erfahrung der Sklaverei schlugen sich im Werk zahlreicher schwarzer Autoren Brasiliens, etwa in den Gedichten des bekannten Lyrikers João da Cruz e Sousa, nieder.

Jorge de Lima gehört zu den produktivsten und bedeutendsten Dichtern der brasilianischen Literatur des 20.Jh. Anfangs den Parnassiens nahe stehend, wandte er sich immer mehr einer gesellschaftskritisch-revolutionären Thematik zu. Zwei weitere herausragende Dichter der Zeit waren Manuel Bandeira und Carlos Drummond de Andrade, dessen mundartliche Dichtung soziale und politische Probleme aufgriff und der grossen Einfluss auf jüngere Autoren hatte. Auch als Dramatiker war er erfolgreich. Mit eher regionalen Themen setzte sich vor allem João Cabral de Melo Neto auseinander. Seine Gedichte, die in der Tradition der Folklore stehen, wurden unter dem Titel "Poesias completas" (1968) gesammelt herausgegeben.

Ein weiterer gesellschaftskritischer Roman über die brasilianische Gesellschaft des 20.Jh. ist Menino de Engenho (1932; Plantagenjunge) von José do Rêgo. Erico Veríssimo wandte sich vor allem der sozialen Ungerechtigkeit der Grossstädte zu. João Guimarães Rosa, Autor von "Grande Sertão": Veredas (1956) und Sagarana (1946), setzte die naturalistische Tradition des Landes fort. Stark von William Faulkner beeinflusst, neigte er zu einem formal äusserst experimentellen Stil. Zu den Romanen von Jorge Amado gehören "Gabriele, Cravo e Canela (1958), Terras do sem fim (1942), Os pastores da noite (1964), Dona Flor e Seus Dois Maridos (1966) und Farda farão, camisola de dormir (1979; "Das Nachthemd und die Akademie")." Clarice Lispector machte sich mit Kurzgeschichten und Romanen im Stil des französischen Nouveau roman einen Namen, darunter "Laços de Família" (1960), "A Maçã no Escuro" (1961) und "A Paixão Segundo G.H." (1964). Unter den Bühnenautoren der brasilianischen Literatur verdienen vor allem Carlos Drummond de Andrade und Ariano Suassuna Beachtung. Suassunas Stücke greifen auf volkstümliche, teils religiöse Quellen zurück. Sein "The Rogues´Trail" (1956) schildert die Welt als Puppentheater mit Gott als Puppenspieler.

 

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