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Karikatur in Brasilien

   
     

Mit der Entstehung einer eigenen brasilianischen Bildsatire wurde der von den Portugiesen ererbten Traurigkeit in der Kunst endgültig eine Absage erteilt. Die Geschichtsforschung geht einmütig davon aus, dass die Karikatur nicht vor den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts in Brasilien heimisch geworden ist. Seither bemühen sich brasilianische Karikaturisten, den Betrachter zum Lachen zu bringen, soziale Konventionen und geschichtliche Ereignisses aufzuspiessen und Korruption und Willkür in der Politik anzuprangern. So fand sich in der Tageszeitung "Jornal do Brasil" am 14. Dezember 1837 folgende Nachricht: "Die in Europa so hochgeschätzte Errungenschaft der Karikatur tritt heute in unserem Land erstmalig in Erscheinung und wird von der Öffentlichkeit gewiss jene Wertschätzung erfahren, die sie gewöhnlich den nützlichen, nötigen und angenehmen Dingen zu zollen bereit ist". Dabei sei angemerkt, dass sich zu diesem Zeitpunkt neben dem "Jornal do Brasil" auch andere Presseorgane durchaus bahnbrechend für die Karikatur einsetzten.

In Europa stand diese Kunst zu dieser Zeit bereits in voller Blüte. Die Zeichnungen des Franzosen Honoré Daumier, der zu den wichtigsten Vertretern der Bildsatire seiner Zeit zählte, erschienen in den Zeitschriften "La Caricature" und "Charivari". Dem französischen Vorbild folgend, nahm auch in anderen Ländern die Zahl satirischer Zeitschriften stetig zu. In England wurde 1841 "Punch" gegründet, in Deutschland erschien gegen Ende des 19. Jahrhunderts erstmals der "Simplicissimus". Diese rasante Entwicklung war auch dem Siegeszug des lithographischen Druckverfahrens zu verdanken, das bereits Ende des 18. Jahrhunderts entwickelt worden war. Durch die Möglichkeit der massenhaften Vervielfältigung erlangte die Karikatur eine Allgegenwart, die der hinter Museumsmauern verbannten sogenannten hohen Kunst nicht beschieden sein konnte. In kurzer Zeit erschienen Karikaturen in allen Ländern und überschwemmten das neunzehnte Jahrhundert mit einer wahren Flut satirischer Bilder. Diese neue Form volkstümlicher Kunst nahm Politik und Gesellschaft aufs Korn und kommentierte voll Ironie menschliche Eigenschaften und politische Ereignisse wie den Vormärz von 1830 und die Revolution von 1848/9.

Die Erklärung der Unabhängigkeit Brasiliens von Portugal lag noch nicht lange zurück, als die Karikatur Eingang in die Zeitungen und Zeitschriften des jungen Landes fand. Die portugiesische Kolonie hatte unter Kaiser D. Pedro I und während der darauffolgenden Regentschaften turbulente Zeiten durchlebt. Erst unter der Regierung von Kaiser D. Pedro II kam das Land erstmals in den Genuss politischer Stabilität. Dies war der Augenblick, in dem der Aufbruch zu einer eigenen Identität erfolgte. Die Konsolidierung der jungen Nation stand ganz oben auf der Tagesordnung und bewegte den kaiserlichen Hof, Politiker, Klerus, Intellektuelle und Journalisten. Die Aufhebung der Sklaverei und die Ausrufung der Republik gehörten zu den grossen Streitfragen der Zeit und waren bevorzugter Gegenstand von Karikaturisten, die sich mit hohem Engagement für Neuerungen einsetzten.

Durch die Verbreitung freiheitlichen Gedankenguts übernahm die neuen Kunstgattung eine wichtige Rolle im Kampf für sozialen Wandel. Einer der wichtigsten Vorreiter der Bildsatire war der aus Italien stammende Angelo Agostini. Er lebte 46 Jahre lang in Brasilien und wurde nicht müde, Regierung und Kirche zu attackieren und Vertreter der Monarchie und des Klerus in seinen Zeichnungen lächerlich zu machen. Mit seinen Karikaturen, die in Zeitschriften wie "Vida Fluminense" und der von ihm selbst gegründeten "Revista Ilustrada" erschienen, versuchte er, seinen Lesern die Werte von Demokratie und Freiheit nahezubringen.
 

Die erste Tageszeitung, die seit 1890 regelmässig auf der Titelseite Karikaturen zur Schlagzeile des Tages veröffentlichte, war die von José do Patrocínio - einem entschiedenen Gegner der Sklaverei - herausgegebene Tageszeitung "Cidade do Rio". Bald darauf folgten viele andere Zeitungen diesem Beispiel. Auch wenn der Karikatur somit eine exponierte Stellung in der Tagespresse zuteil wurde, trat sie ihren eigentlichen Siegeszug in den illustrierten Zeitschriften an. Zu dieser Zeit vollzog sich in der brasilianischen Presse erstmals eine deutliche Trennung zwischen der alltäglichen Arbeit des Journalisten und dem akademischen Anspruch des Literaten.

In Rio de Janeiro gehörten die Karikaturisten in der Regel der Bohémien-Szene an. Sie trafen sich in der Konditorei "Colombo", im Café Papagaio und an anderen von Künstlern der Zeit frequentierten Orten. Sie hatten ihre eigene Lebensphilosophie und waren der Ansicht, ihre Kenntnisse von Land und Leuten und der Welt besser über nächtliche Stadtbummel, über geistreiche Geselligkeit und hitzige Debatten erweitern zu können als über die Lektüre wissenschaftlicher Bücher. Akademischer Gelehrsamkeit und klassischer Kultur begegneten sie mit Herablassung. Wie es der Mode der Zeit entsprach, waren die Cafés der Stadt allnächtlicher Treffpunkt, hier forderte man einander heraus, erging sich in Wortspielen, verfasste Manifeste, kreuzte die Klingen und bedachte Feinde und Widersacher mit spöttischen Versen. Fern von seinem Zeichenbrett spielte sich der Karikaturist vor der Gesellschaft gern als Avantgardist und Ästhet auf.

Der Lebensstil der Bohème hatte seinen Ursprung in Frankreich. Seinerzeit nahmen ausnahmslos alle gesellschaftlichen und künstlerischen Entwicklungen ihren Anfang an den Tischen der Pariser Cafés. Die brasilianischen Künstler versuchten, auf den Spuren der französischen Intellektuellen zu wandeln oder zumindest deren Attitüden zu übernehmen, war Frankreich doch tonangebend für die gültigen kulturellen Paradigmen der Zeit. Gegenstand abgöttischer Verehrung waren Émile Zola und Charles Baudelaire, für die politisches Engagement und buntes Bohème-Leben durchaus vereinbar waren. Zolas offener Brief an die französische Regierung, "J'accuse...", der im Pariser Café Durand verfasst wurde, bezog Stellung zur sogenannten Dreyfuss-Affäre und bezichtigte die französische Armee rassistischer Vorurteile. Mit diesem Angriff auf das herrschende System bekräftigte Zola seine Überzeugung als Wortführer einer sozialkritischen Avantgarde der Intellektuellen. Baudelaire wiederum begeisterte die Künstler mit seinem Eintreten für Singularität, einfaches Leben, Musse und Bonhomie. Er prangerte Materialismus, Geldherrschaft und Vermassung an und rief zum Widerstand gegen die Moderne auf .

An der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert wurde die illustrierte Zeitschrift zum Nährboden, auf dem die brasilianischen Intellektuellen ihr Talent entwickeln konnten. Die in Rio de Janeiro editierten Illustrierten "O Malho", "Tico-Tico", "Fon-Fon", "Kosmos" und "A Careta" boten Chronisten, Essayisten, Dichtern und insbesondere Karikaturisten ideale Voraussetzungen für ihre Arbeit.

An Talenten fehlte es in Rio de Janeiro nicht. Besondere Erwähnung verdienen hier Raul Pederneiras, Calixto Cordeiro und José Carlos de Brito Cunha, die als RAUL, K.LIXTO und J.CARLOS Berühmtheit erlangten. Diese drei Zeichner stehen für das Beste, was die brasilianische Karikatur hervorgebracht hat und geniessen wegen der Eleganz ihrer Zeichnungen und der treffenden Ironie, mit der sie die Zeitläufte beobachteten, grosse Bewunderung. Ihnen gelang es, mit wenigen Strichen die unterschiedlichen Menschentypen zu charakterisieren, auf die man bis heute in den brasilianischen Städten, auf allen Strassen und Plätzen und in den kleinen "Bars" stösst. Im Gegensatz zu den politischen Bildsatiren der Kaiserzeit lag ihre Stärke in der karikierenden Darstellung von Typen und Gepflogenheiten.

Raul, K.Lixto und J.Carlos waren in jeder Hinsicht Intellektuelle. Sie malten, illustrierten Bücher, verfassten Gedichte, inszenierten Theaterstücke und waren in den literarischen Kreisen zu Haus. Ruhm und Erfolg erlangten sie jedoch vor allem mit ihren Karikaturen und genossen in der brasilianischen Kulturlandschaft der damaligen Zeit ein gleich hohes Mass an Ansehen wie die renommiertesten Schriftsteller und Journalisten. Ein Teil der Beliebtheit der Karikaturisten ist sicher auch der Tatsache zuzuschreiben, dass zur damaligen Zeit die Vervielfältigungstechniken noch wenig entwickelt waren. So waren diese Zeichenkünstler mit der von ihnen beherrschten Technik besonders attraktiv und lösten Bewunderung aus. Auf diese Weise bezogen die in Zeitschriften veröffentlichten Texte bedeutender brasilianischer Schriftsteller wie Euclides da Cunha und Monteiro Lobato ihre Publikumswirksamkeit auch entscheidend aus den reizvollen Illustrationen der Zeichner.

K.Lixto gab sich in der Öffentlichkeit als intellektueller Dandy und Filou. Sein Motto war "Ich habe festgestellt, dass man im Leben rebellieren muss". Er trug einen Frack, spitze Schuhe mit silbernen Schnallen und totenkopfförmigen Knöpfen. Das Emblem für die von ihm gegründete illustrierte Zeitschrift "O Degas" war eine Gestalt mit breitkrempigem Hut, weisser Hose und zweifarbigen Schuhen, die ganz der eigenen Erscheinung entsprach. Sein Unterricht als Zeichenlehrer war sehr gesucht. Die Kunststudenten waren erpicht darauf, seinen Witzen zu lauschen und das Spiel mit seinem Monokel zu beobachten, das er ganz unvermittelt aus dem linken Auge auf seine Handfläche fallen liess.

Ein Bohémien mit ähnlich theatralischen Zügen war Raul, der bis zu seinem Tod im Jahr 1948 darauf bestand, einen langen Schnurrbart und einen Hut mit breiter Krempe zu tragen. Er war nicht nur Karikaturist, sondern auch Chronist, Dramaturg, Polizist und Juraprofessor. Ferner lehrte er künstlerische Anatomie an der brasilianischen Hochschule der Schönen Künste (Escola Nacional de Belas Artes). Unter dem Titel "Geringonça Carioca" verfasste er ein Wörterbuch der damals gängigen Jargons und veröffentlichte im Jahr 1921 unter dem Titel "Cenas da Vida Carioca" (Szenen aus dem Leben in Rio de Janeiro) eine Sammlung seiner Zeichnungen. "Raul karikierte das Rio de Janeiro der Dienstmädchen, der Tanzbars, der Wellblechhütten, der billigen Unterkünfte", so charakterisierte ihn die Tageszeitung "O Globo" in ihrem Nachruf.

Anders als seine beiden Kollegen fügte sich J.Carlos nicht in das landläufige Bild eines Künstlers aus Rio de Janeiro. Er galt als seriös und hielt sich vom turbulenten Bohémien-Leben fern. Man sagt, er habe nie gelacht. Er war Autodidakt, und seine Laufbahn als Karikaturist nahm ihren Anfang, als er eine seiner Zeichnungen K.Lixto und Raul vorstellte, die damals schon als Herausgeber der Zeitschrift "O Tagarela" berühmt waren. Nachdem diese sein Werk gesehen hatten, nahmen sie ihn unverzüglich unter Vertrag. Es wird gesagt, dass J.Carlos für die Karikatur das bedeutet, was Noel Rosa für die Samba darstellt.

Wie kein anderer verstand es J.Carlos, die komischen, volkstümlichen Gestalten seines Heimatlandes darzustellen: die Hausangestellte, den kleinen Gauner im gestreiften Hemd, den Trunkenbold, den Langweiler, den Redner, den Gecken. Die Fülle der von ihm gefertigten Zeichnungen zeigt auch, wie sich die Stadt Rio de Janeiro entwickelt und modernisiert: Wolkenkratzer und Automobile werden zunehmend Teil des Hintergrundes, vor dem seine Gestalten agieren. Zwei Weltkriege kommentiert er mit dem Zeichenstift: Hitler, Churchill, Roosevelt und Stalin sind Gegenstand seiner satirischen Bildkommentare. Die beliebtesten Figuren J.Carlos' sind jedoch nicht Politiker, sondern jene zarten, verletzlichen Mädchen und jene Knaben Typ "Tarzan im Massanzug", mit denen er die damalige Jugend in Rio de Janeiro charakterisierte.

Gemeinsames Thema dieses künstlerischen Dreigespanns war die Stadt Rio de Janeiro. Dabei griffen sie humorvoll auch weniger positive Seiten der "Wunderbaren Stadt" auf. Sie beschäftigten sich mit dem Karneval, zeigten Armenviertel, sanitäre Probleme, verwaiste Amtsstuben, Gauner und leichte Mädchen, verspätete und überfüllte Strassenbahnen. Dem Nachlass dieser Künstler lässt sich entnehmen, in welchem Tempo sich die Stadt Rio de Janeiro zu jener Zeit wandelte. Das Gesamtwerk der drei Bildsatiriker vermittelt ein eindrucksvolles Bild vom Leben in Rio um das Jahr 1900.

Auch in São Paulo sind Leben und Alltag von Karikaturisten kommentiert worden. Der erste illustre Vertreter der Sparte war Voltolino. Ihm folgte Belmonte, der eigentlich Benedito Bastos Barreto hiess, durch seine Figur "Juca Pato" berühmt wurde und vielleicht in dieser Sparte die führende Künstlerpersönlichkeit in São Paulo war. Hierfür spricht auch, dass er eines Tages eingeladen wurde, für den von ihm sehr bewunderten J.Carlos einzuspringen und für die in Rio ansässige Zeitschrift "A Careta" zu arbeiten. Angesichts der ausgeprägten Rivalität, die damals zwischen den Intellektuellen und Künstlern beider Städte herrschte, war dieser Ruf, der an Belmonte erging, besonders bemerkenswert. Und so war dieser zunächst durchaus geneigt, die Nachfolge des grossen Meisters anzutreten. Doch schon wenige Stunden nach seiner Ankunft in Rio de Janeiro erfasste ihn das Heimweh, und er entschloss sich zur Rückkehr nach São Paulo.

In seiner Serie "Menschentypen auf den Strassen São Paulos" charakterisiert Belmonte mit grossem Einfühlungsvermögen Vertreter verschiedener Ethnien und Einwanderergruppen, die sich in São Paulo niedergelassen hatten. Daneben gab er der von dem Journalisten Lellis Vieira geschaffenen Figur des "Juca Pato" zeichnerische Gestalt. Juca stand für die Unzufriedenheit, die in der Paulistaner Mittelschicht herrschte und zeigte täglich in den Zeitungen auf, welche Absurditäten in der Stadt im Namen des Fortschritts verübt wurden. Zu Beginn der vierziger Jahre stieg Juca Pato in Belmontes Kampagne gegen Nazismus und Faschismus zum Superstar auf. Damit handelte er sich Drohungen der brasilianischen Anhänger der "Achsenländer" und mehrfache Kritik der Regierung Getúlio Vargas ein. In diesem Zusammenhang sind zwei weitere Karikaturisten zu nennen, die das totalitäre Gedankengut nachdrücklich bekämpften: Nássara und Guevara.

Ganz offenbar lag die besondere Stärke brasilianischer Karikaturisten darin, Menschentypen zu charakterisieren. Die Schaffung einer nationalen Personifizierung, eines visuellen Symbols des Landes, vergleichbar dem amerikanischen Onkel Sam, dem britischen John Bull, dem deutschen Michel oder der französischen Marianne ist ihnen jedoch nicht gelungen. Es gab eine Reihe von Versuchen, nach klassischem Vorbild die Republik als positiv besetzte Frauenfigur darzustellen, die jedoch - wie auch José Murilo de Carvalho feststellte - alle scheiterten. Einige Zeit später bemühte man sich, das Land nach den ästhetischen Vorgaben des Modernismus durch einen heldenhaften jungen Mischling darzustellen, doch auch diese neuen Versuche stiessen auf wenig Echo in der Öffentlichkeit. Vielleicht ist "Zé Povo" die Gestalt, mit der sich der Mann auf der Strasse am ehesten identifizieren kann. Dieser Zé Povo erscheint vorwiegend in Situationen, in denen er sich durch das mangelnde Interesse und die Unfähigkeit der Regierenden benachteiligt fühlt. Nur ganz selten begegnet man ihm in Gesellschaft und als Anhänger beliebter Persönlichkeiten wie Rui Barbosa oder dem Barão do Rio Branco. Die Karikaturisten bedienten sich ungeniert dieser bekannten Grössen und setzten sie in der Werbung für ganz unterschiedliche Erzeugnisse, von Arzneimitteln und Kosmetik bis zu Musikinstrumenten ein.

Erwähnt sei hier auch die Figur des "Jeca Tatu", ein Geschöpf des Schriftstellers Monteiro Lobato, das viele Künstler zeichnerisch gestalteten. Genannt sei ferner "Zé Macaco", der auf den Karikaturisten Storni zurückgeht. Jeca ist ein Caipira, ein Bauerntölpel, der träge auf der Erde hockt und Betrachtungen über das Leben anstellt. Mit dieser Gestalt verleiht Lobato seiner Empörung über die Lebensverhältnisse der Landarbeiter im Landesinneren des Staates São Paulo Ausdruck, insbesondere über ihren passiven Widerstand gegen jedweden sich abzeichnenden Fortschritt. Zé Macaco stellt das genaue Gegenteil dar: Er ist dem Konsum verfallen, lebt in der Stadt und lässt sich von allen aus dem Ausland stammenden Modeströmungen blenden, die seine Frau Faustina zu imitieren sucht.

In den fünfziger Jahren schuf der Karikaturist Péricles den berühmten "Amigo da Onça" ("Freund des Jaguars"). Dieser "Freund" besass die Fähigkeit, jeden, dem er begegnete, in grösste Verlegenheit zu versetzen und dabei selbst immer zynisch und cool zu bleiben. Dieser Anti-Held wurde in Brasilien in den fünfziger Jahren ausserordentlich populär. Mit ihm hielt der schwarze Humor Einzug in die brasilianische Karikatur. In den sechziger Jahren veröffentlichte das Blatt "O Pasquim" Arbeiten von Künstlern wie Millôr Fernandes und Jaguar. Häufig wurde jedoch die gesamte Auflage der Zeitung von der Zensur der Militärregierung aus dem Verkehr gezogen. Eine wichtige Rolle spielte zu dieser Zeit auch der Kartoonist Henfil, der eigentlich Henrique de Souza Filho hiess. Mit beissendem Humor schuf er die Gestalten "Fradinhos" und "Graúna" und geisselte das Elend in den Dürregebieten des brasilianischen Nordostens.

Heute sind vor allem vier Künstler zu nennen, die repräsentativ für die derzeitige Bildsatire stehen: Es sind die Brüder Chico und Paulo Caruso, deren Stärke die politische Karikatur ist, sowie die Kartoonisten Angeli und Laerte, die sowohl durch ihre Karikaturen als auch durch Comics berühmt sind. Alle vier haben in den siebziger Jahren zunächst für Gewerkschaftszeitungen gearbeitet und sind seit Mitte der achtziger Jahre mit Ende der Militärdiktatur führend im Bereich der brasilianischen Karikatur geworden.

Chico Carusos sehr persönliche Sicht des politischen Geschehens in Brasilien erscheint täglich auf der Titelseite der Zeitung "O Globo". Mit seiner reichen Bildersprache hat Caruso in unvergleichlicher Weise Zeitgeschichte festgehalten, darunter auch den Tod des Rennfahrers Ayrton Senna. Caruso versteht zu abstrahieren und seinen Bildsatiren höchste Aktualität zu verleihen. Ein Beispiel hierfür ist seine international prämierte Zeichnung "Das Opfer der Globalisierung", das eine schwarze Frau auf der Flucht zeigt, die Weltkugel auf ihren Schultern.

Diese Künstler arbeiten nicht nur für die Tagespresse und veröffentlichen ihre gesammelten Zeichnungen. Sie versuchen auch, ihre Botschaften über neue Medien wie Internet und Digitales Kino zu vermitteln. Diese Neuerungen lösen natürlich akademische Debatten über den Unterschied zwischen Karikatur, Animation und interaktiven Humor aus. Auch wird über Parallelen zwischen der Erfindung des lithographischen Druckverfahrens und der Computergraphik nachgedacht. Es besteht jedoch die Hoffnung, dass die Karikaturisten sich nicht von diesen akademischen Auseinandersetzungen beeindrucken lassen, sondern eher im Sinne der Karikaturisten-Bohème früherer Zeiten weiterhin ihren Zeichenstift einsetzen, um ihre Bewunderer zum Lachen und zum Nachdenken anzuregen.

Quelle: mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung der Brasilianischen Botschaft in Berlin  - Copyright © 2004
 

 

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