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Kunstgeschichte

   
     

Brasilien ist in der Menschheitsgeschichte in jeder Hinsicht ein junges Land. Von Anfang an sind Südamerika und speziell Brasilien sehr spät von Menschen bewohnt worden, wenn man sie mit alten Kulturen anderer Kontinente vergleicht. Die allgemein angenommene Theorie ist, dass der amerikanische Raum von Asien über die Beringstrasse in Epochen, in denen die Abfolge der Eiszeiten es begünstigte, erreicht wurde. Dies geschah vermutlich 50.000-40.000 v.Chr. und nochmals 28.000-10.000 v.Chr. und bracht die mongolischen Urväter der Indianerrassen dazu, als Jäger und Sammler in der Neuen Welt von Norden nach Süden vorzudringen. Danach ist die Besiedlung Südamerikas, wie es auch die sporadischen Funde bestätigen, die letzte Phase dieser Ausdehnung gewesen. Man kann annehmen, dass sie sich zwischen 30.000 und 10.000 v.Chr. vollzog.

Die Entstehungsphasen der in Brasilien gefundenen vorgeschichtlichen Objekte sind in vielen Fällen nicht genau abzugrenzen. So sind die eigentlich archäologischen Funde früher Kulturen von der Handwerkskunst der Indianerstämme abzutrennen, deren einige im Amazonasbecken noch im Stadium neolithischer Kultur leben, bald aber nicht mehr festzustellen sein werden. Zwar haben sich die Europäer lange Zeit, wie schon Hans Staden, mit den Ureinwohnern Brasiliens auseinandergesetzt, sich aber nicht für deren Kulturen interessiert. So waren es im Grunde erst Naturforscher wie Lund, Martius und andere, die im 19.Jh. begannen, die Aufmerksamkeit auf sie zu lenken. Eine spezielle wissenschaftliche Beschäftigung mit dem, was als vorgeschichtliche Kunst zu bezeichnen ist, entwickelte sich erst in wesentlich neuerer Zeit und hat noch kein zusammenhängendes Gesamtbild geschaffen.

In der Hauptsache sind drei grosse Gruppen vorgeschichtlicher Funde bemerkenswert. Erstens wurden an vielen Stellen Felsmalereien und Felsritzungen entdeckt, zweitens wurden Steinwerkzeuge und in geringem Umfang auch Steinskulpturen gefunden und drittens zog die zahlenmässig Verbreiteste und variierteste Keramik die Aufmerksamkeit vor allem der lokalen Forscher auf sich. Von dem frühen Kunsthandwerk wie etwa Weberei, Flecht- und Holzarbeiten sowie Körperbemalung sind wegen des tropischen Klimas keine Reste erhalten. Die Gruppe von Jägern und Sammlern, die kulturell etwa der Stufe des höheren Paläolithikum der alten Welt vergleichbar sind, benutzten schon bald eine beträchtliche Zahl von Steinwerkzeugen und begannen auch, die Wände der von ihnen als Wohn-, Zufluchts- und Ritualstätten benutzten Höhlen mit Figuren und Symbolen zu bemalen und zu ritzen. Da sie zu verschiedenen Epochen erneut aufgesucht wurden, sind vielfach Übermalungen vorhanden, die zeitliche Bestimmung ihres Ursprungs erschweren.

Die Malerei im Tal des Seridó in Rio Grande do Norte, zeigt viele Beispiele aus dem Leben der damaligen Bewohner. In der Mehrzahl sind es mehrfigurige Szenen, bsp. Tänze, aber auch einzelne Paare, manchmal zusammen mit einem Kind, sowie schwangere Frauen und Schilderungen des Geschlechtsverkehrs. In einer Gruppe von Wänden wurden schon über 3.000 Figuren aufgenommen. In ihrer Vielfigürlichkeit erinnern sie durch die starke Bewegtheit der kleinen Figuren, die mit feinen Pinselstrichen in verschiedenen Sequenzen und Farben aufgetragen wurden, an südafrikanische Jagdszenen. Im benachbarten Paraíba gibt es in der Nähe von Campina Grande die "Pedra do Ingá", ein geartetes Denkmal. Dort sind verhältnismässig tief in die Oberfläche der Steinwand zahlreiche mehr oder weniger geometrische Zeichen eingeritzt. Wohl mittels härterer Steine oder nassen Holzes mit Sand eingeschliffen, bedecken sie die 24m lange und 3m hohe, einem alten Flusslauf folgende Felswand, die schon lange bekannt und mehrfach beschrieben worden ist. In Pernambuco und Goiás sind so ebenfalls eine ganze Reihe von Malereien erhalten. Die von Serranópolis und Caiapónia in kleineren Unterständen wurden als schon vor 10.000 Jahren entstanden angesetzt. Die Malereien in den Chapadas, den hohen Geländeabbrüchen, stellen viele Tiere, besonders Echsen, Schildkröten und Flussfische, aber auch geometrische Zeichen dar. Mehr als in der Plastik ist die Abstraktion in der Malerei bis hin zu ganz einfachen Formen, bsp. Dreiecken geführt worden, die vielleicht menschliche Gesichter symbolisieren könnten.

Neben den Felsmalereien sind die Steinskulpturen anzuführen. Es sind damit nicht die Werkzeuge der steinzeitlichen Bewohner des Landes gemeint, sondern vielmehr um behauene und geschliffene Steine, die bildnerischen Charakter besitzen. Die Hauptgruppe sind die Tierfiguren, die in den "Sambaquis" der Muschelhaufenkulturen an der Küste, speziell von Santa Catarina, gefunden wurden. Die Technik dieser steinzeitlichen Handwerker ist ebenso in den hervorragend ausgearbeiteten Beilen und den Lanzen- oder Pfeilspitzen zu bewundern, die vornehmlich aus Feuerstein und oft ebenso fein geschliffen gefertigt wurden. Die Sambaquis breiteten sich an der Atlantikküste Brasiliens vom Norden bis hinunter nach São Paulo und Santa Catarina aus. Ihre Bewohner, die sich überwiegend von den Meerestieren ernährten und dies bei langwährender Nutzung derselben Plätze, begannen schliesslich eine rudimentäre Form von Ackerbau. So kamen sie im Laufe ihrer fortschreitend sich differenzierenden Wirtschaftsform zur Töpferei.

Die Herstellung von Tongefässen dürfte im Norden etwa 2.000 v.Chr. begonnen haben, wie die der Phase "Mina" in Salgado (Pará) und die um 880 v.Chr. in der Phase "Peripei" an der Südküste von Bahia gefundenen Keramiken annehmen lassen. Ihre Grundformen wurden noch in den Stätten der Sambaquikultur entdeckt, als deren Bewohner neben der Sammlertätigkeit mit Ackerbau begannen. Es sind einfache runde Gefässe, reine Nutzformen, die Bereitung, Konservierung und Transport der Nahrungsmittel erleichterten. Die einfachen topf- oder napfartigen Formen tauchen in den verschiedensten Gegenden auf. Später wurden sie je nach Region vielartiger und mehr oder weniger reich verziert. Es erscheinen dann auch die grossen Graburnen, die im Norden wie im Süden meisterhaft aus Ton aufgebaut wurden.

Am mittleren Amazonas gab es verschiedene Gruppen, die sehr früh Keramik herstellten. Dem Lauf des Amazonas hinauf folgend, sind bis über Manaus hinaus verschiedene Fundstätten erforscht worden. Die reichste und am höchsten entwickelte Keramik in der gesamten präkolumbianischen Kunst Brasiliens ist zweifelsohne die der Insel Marajó. Unter ihren überaus reich verzierten Gefässen ragen die bis zu 70 und 80cm hohen Graburnen hervor, die in sogenannter Zweitbestattung die Knochen der Toten aufnahmen und in künstlich aufgeschütteten Hügeln, den "Tesos", eingegraben wurden. Zum vollständigen Bilde der vorgeschichtlichen Kunst des Amazonasgebietes gehören noch die kleinen, aus farbigen Steinen hergestellten Plastiken der Tapajós-Trombetaskultur. Sie sind sehr viel jünger als die Skulpturen der Sambaquis. Sie gehören in die Zeit, in der die Keramik am unteren Amazonas schon mit reich und kompliziert dekorierten Gefässen geschaffen wurden. Aus edleren und farbigeren Steinen gearbeitet, sind es teils zylindrische Halskettenteile und Amulette wie auch vereinfachte Tier- und Menschenfiguren. Ein besonders beachtetes Motiv der Gruppe sind die sogenannten "Muriaquitas", Amulette in Form von Fröschen, aus einem jadeähnlichen harten Stein plastisch ausgearbeitet, die auch die Mythologie und Volkskunst des Amazonas beflügelt haben.

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