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Brasilien ist
vielleicht das musikbesessenste Land der Welt. Sie kommt aus der
Erde, fast überall und ständig ist man mit Klängen und Rhythmen
der verschiedensten Stilrichtungen konfrontiert. Musik gehört hier
zum Lebensgefühl, zur Lebenskunst.
Allein die Verschiedenartigkeit dieser Nation erklärt, dass so viele
Richtungen volkstümlicher Musik gleichrangig nebeneinander bestehen
können. Die Aufeinanderfolgenden Einwanderungswellen hinterliessen
ihre Spuren. Es begann mit den portugiesischen Kolonialherren, den
Missionsstationen der Jesuiten und der Zwangseinwanderung der Sklaven
und ging bis zu den politischen und den Wirtschaftsflüchtlingen
aus dem Europa des 19. und 20.Jahrhunderts. Dazu gehören italienische
Anarchisten, polnische Katholiken, deutsche Juden und in letzter
Zeit Palästinenser, Japaner, Koreaner und Christen aus dem Nahen
Osten. Die Jesuiten erkannten bald, wie sehr die
Indianer auf Musik ansprachen und wie wichtig sie im Ritual
war. So passten sie zur Verkündung des Evangeliums die katholische
Liturgie dem indianischen Ritualgesang und der Choreographie an.
Allmählich wurde dann das gregorianische Kirchenlied von der indianischen
Bevölkerung aufgenommen.
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Caetano Veloso |
Die Musik der Indianer hat ihren Schwerpunkt im Rhythmus, nicht
in der Melodie. Die Hauptinstrumente sind Maracás, verschiedene
Rasseln und bei machen Indianervölkern einfache Flöten und Pan-Flöten.
Die Gesänge waren so heilig, dass bei manchen Stämmen das Singen
allgemein auf das Ritual beschränkt war. Allmählich verloren die
Texte ritueller Gesänge an Bedeutung und wurden zu rein magischen
Klängen. Die wichtigste Ausnahme von rituellen Gesängen scheinen
Wiegenlieder gewesen zu sein, die von den Frauen leise und sanft
gesungen wurden. Zum Erbe der brasilianischen Indianer in der Pop-Musik
gehören Rhythmusinstrumente, eine nasale Stimmlage, das im Refrain
gesungene Wort und die Gewohnheit, den Vers mit einer tieferen Note
zu beenden.
Die brasilianische Musik ist perkussiv, weil die Rhythmusinstrumente
billiger sind als Melodieninstrumente. Ein anderer Grund ist die
Natur, in der die Menschen leben. Musiker werden in Brasilien nicht
nach ihren technischen Fähigkeiten beurteilt. Die gute Beherrschung
eines Instruments, einer Stimme wird registriert, aber nicht hoch
bewertet - sie wird eher vorausgesetzt. Am Musiker interessiert
die Persönlichkeit, das, was er von sich in seine Musik gibt. Zehn
Prozent der brasilianischen Bevölkerung lesen regelmässig. In den
Industrieländern sollen es rund siebzig Prozent sein. Zeitungslesen
ist Luxus, Bücher kosten fast soviel wie bei uns. Das neue Lied
eines Sängers oder einer Sängerin können die meisten nach kurzer
Zeit mitsingen. Die Sänger-/innen haben mit ihren Liedern den grössten
kulturellen Einfluss in der Gesellschaft - neben dem allgegenwärtigen
Fernsehen. In jedem Konzert gibt es Stellen, wo das Publikum alleine
singt. Kaum jemand verharrt bewegungslos an seinem Platz, getanzt
wird spontan und einfach dort, wo man gerade steht. Wer einmal eines
der vielen Live-Konzerte besucht - ein Muss für jeden Europäer -
wird schnell die engagierte, mitgehende Haltung des Publikums bemerken.
Wie beim Karneval
ist die Ventil- und Verdrängungsfunktion stark ausgeprägt, doch
verarbeiten viele Texte auch konkrete Erfahrungen und Probleme der
breiten Masse und bieten praktische Lebenshilfe an. Nicht nur die
Jugend, sondern die gesamte Bevölkerung wird angesprochen. Nur so
lässt sich die einzigartige Identifikation der Brasilianer mit ihrer
Volksmusik und ihren Idolen erklären.
Die populäre brasilianische Musik von heute ist
ständig auf der Suche nach neuen Rhythmen und Melodien. Seit sie den
Anschluss an das internationale Musikgeschäft gefunden hat, stehen
ihre Komponisten und Interpreten mehr und mehr im Wettbewerb um die
Gunst eines internationalen Musikpublikums. Zu den bekanntesten
Vertretern brasilianischer "Música Popular" gehören: Maria Bethânia,
Alcione, Roberto Carlos, Cazuza, Ney Matogrosso, Rita Lee, Milton
Nascimento, Hermeto Pascoal, Fafá de Belém, Elba Ramalho, Zè Ramalho,
Alceu Valenca, Luiz Gonzaga, Luiz Gonzaga Jr., João
Bosco, Djavan, Ivan Lins, Tim Maia, Marisa Monte und Elis Regina.
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Gilberto Gil |

Milton Nascimento |
Música
Popular Brasileira (MPB):
Die Música Popular Brasileira ist der
Oberbegriff für die folkloristischen und populären Spielarten der
brasilianischen Musik und zeichnet sich durch Klangvielfalt und
Formenreichtum aus. In ihr verbanden sich schon früh die
traditionellen europäischen Instrumente - Gitarre, Klavier und Flöte
- mit den verschiedensten Rhythmusinstrumenten, darunter Triangel,
Rassel, Trommel, Tamburin und Cuíca (Reibtrommeln - ähnlich dem
norddeutschen Rummelpott - , kleine Fässer mit einer Fellmembran, in
deren Mitte sich ein Holzstab befindet. Sie erzeugen einen
typischen, quietschenden Ton, ähnlich dem Geschrei eines Esels).
Seit den 30er Jahren verbreitete sich die populäre Musik in
Brasilien auch über das Radio und erfreute sich in allen
Gesellschaften wachsender Beliebtheit. Zu den bekanntesten
Komponisten jener Zeit zählten "Noel Rosa (1910-1937), Lamartine
Babo (1904-1963), Ary Barroso (1903-1963) und Pixinguinha
(1897-1973), Carmen Miranda (1909-1955)", die bedeutendste
Interpretin der Musik Barrosos, gelangte durch ihr Auftreten in
einer Reihe von Hollywood-Filmen zu internationalem Ruhm.
Bossa-Nova:
Zu einem der ersten internationalen Erfolge der
Bossa-Nova-Bewegung wurde Mitte der sechziger Jahres das von
lyrischer Eindringlichkeit und reicher Melodik getragene "The girl
from Ipanema - A Garota de Ipanema". Dieses Lied weckte weltweit
Interesse an brasilianischer Musik und machte den Poeten und
Textdichter Vinicius de Moraes (1913-1980), vor allem aber den
Komponisten Tom Jobim (1927-1994), dessen musikalischen Werdegang
Hans-Joachim Koellreuter beeinflusst hatte, mit einem Schlag
berühmt. Noch heute bringt der Bossa Nova in und ausserhalb
Brasiliens ganze Generationen neuer Interpreten hervor, die auf den
Spuren "klassischer" Vorbilder wie Stan Getz, Frank Sinatra, João
und Astrud Gilberto wandeln.
Tropicalisten:
Die "Tropicalisten" der späten sechziger Jahre brachten unter dem
Eindruck von Militärdiktatur, Stadtguerillas und Protestbewegungen
kritisch-realistische Elemente in die brasilianische
Unterhaltungsmusik und gaben ihr neue Impulse durch die Vermischung
einheimischer Rhythmen mit den neuesten Entwicklungen der
internationalen Popmusik (Rock' n' Roll, Beatles, Jimi Hendrix u.a.).
Vorallem Caetano Veloso, Gilberto Gil und Gal Costa vertraten den
Som Livre, Som Universal (den freien, universellen "Sound") des
Tropicalismus und schufen eine neuartige Musik - lyrisch,
intelligent, mit schnelleren, variableren Tempi und volleren
Rhythmen als der Bossa Nova.
Forró:
In den einzelnen Regionen Brasiliens haben sich ganz
unterschiedliche Formen der Musik ausgebildet. Im nordöstlichen
Landesteil entstanden und landesweit geliebt ist der "Forró", in dem
sich Akkordeon, Flöte, Gitarre und Schlaginstrumente zu einem
Volkstanz verbinden, der von Fusstampfen begleitet wird - Forró
heisst auch das dörfliche Tanzvergnügen im Nordosten - .Ebenfalls
aus dem Nordosten stammt der "Frevo" mit seinen
synkopisch-akzentuierten Rhythmen, der wegen der hohen Spagatsprünge
eine gute Körperbeherrschung verlangt. In Rio ist der "Chorinho"
weit verbreitet, eine zärtliche Instrumentalmusik, gespielt von
Flachgitarre "Cavaquinho", Flöten und Schlaginstrumenten aller Art
und Grössen, gelegentlich verstärkt durch Klarinette oder Saxophon.
Samba:
Die Samba mit ihren verführerischen Rhythmen bleibt jedoch die
für Brasilien typische Musik. Ihr genauer Ursprung ist unbekannt.
Manche nehmen an, die Samba sei auf den Strassen von Rio entstanden,
und zwar aus einer Verschmelzung dreier kultureller Elemente - des
portugiesischen höfischen Gesangs mit afrikanischen Rhythmen und
schnellen Indiotänzen. Andere dagegen führen ihren Ursprung auf den
afro-brasilianischen "Batuque" zurück, der nur von
Perkussionsinstrumenten ausgeführt wird.
Quelle: Auszug aus
"Agenda 2005" mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung der
Presse- und Informationsabteilung der
Brasilianischen Botschaft in Berlin
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