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Architektur

   
     

Zu Anfang des Jahrhunderts bemühten sich schon einige genannte schöpferische Architekten, wie Dubugras und Eckman, von dem herrschenden Eklektizismus und Stilchaos der vorgeblendeten Fassaden wegzukommen. Die Bauten an der Avenida Rio Branco in Rio de Janeiro und das 1929 entstandene "Edificio Martinelli" in São Paulo, damals das höchste Gebäude Lateinamerikas, sind klare Beispiele dafür.

Ganz vereinzelt tauchten langsam Elemente wirklich neuer Baukunst auf, meist durch neue Einwanderer vermittelt. Gregori Warchavchi, (1896-1972) ist der bedeutendste von ihnen gewesen. In den dreissiger Jahren entwickelte sich rasch die Eisenbeton-Technik, die vor allem die Konstruktion von Hochhäusern erleichterte und bis heute ständig weiterentwickelt worden ist. Danach ging die Führungsrolle an die Architekten der Landeshauptstadt Rio de Janeiro über. Der weitblickende Kultusminister Gustavo Capanema annullierte 1935 das traditionell ausgefallene Ergebnis eines Wettbewerbs zum Neubau des Ministeriums für Erziehung und Gesundheit und setzte eine Gruppe von Architekten unter Leitung von Lúcio Costa ein, die ein neues Projekt ausarbeiten sollten. Dieser Gruppe gehörten die ganz modernen Lúcio Moreira, Carlos Leão, Affonso Eduardo Reidy sowie auch die noch jungen Oscar Niemeyer und Ernani Vasconcellos an. Damit war der Startschuss für die moderne Architektur in Brasilien gefallen.

Ab 1939 leitete Niemeyer die Architektengruppe. Der Vorplatz, die Gartengestaltung von Roberto Burle Marx, die Plastiken von Bruno Giorgi und Antonio Celso, die Azulejos von Candido Protinari heben das Gebäude aus der Umgebung heraus und geben ihm ein ästhetisches besonderes Gepräge. Die einheitliche Gestaltung aller Beteiligten zeigt, dass damit ein Markstein der Entwicklung erreicht ist: Die Architektur hat eine neue Qualität bekommen, sie ist nicht mehr Kopie europäischer Muster, sondern trägt eigene brasilianische Züge. Nahe dem Ministerium wurde schon 1936 von den Brüdern Milton und Marcello Roberto das Gebäude des brasilianischen Presseverbandes ABI aufgeführt, das zum ersten Mal eine Front aus festem Brise-soleil aus Beton erhielt.

Bald danach begann man mit der Anlage der Gärten auf den "Aterros", dem aufgeschütteten Landstreifen längs der Meeresbucht, nach Entwürfen von Roberto Burle Marx, auf dem dann die Schnellstrassen in Richtung Copacabana und neue Strandstreifen angelegt werden konnten. An den Anfang dieser städtebaulich für Rio de Janeiro so wichtigen Erweiterung hat in den fünfziger Jahren der bedeutende Mitarbeiter Lúcio Costas, Affonso Eduardo Reidy, das "Museu de Arte Moderna" errichtet.

Was in der Folgezeit die Architektur kennzeichnete, kann beinahe eine "Phase Oscar Niemeyer" genannt werden. Er schuf seine an barocke Traditionen erinnernden Umrissformen, die ihre Gliederung nicht nur statisch sondern auch ästhetisch mit Stützen und die sich abzeichnenden Horizontalen der Stockwerkdecken erhielten. Juscelino Kubitschek, noch in seiner Funktion als Oberbürgermeister von Belo Horizonte, berief ihn 1940 um die Bauten am Stausee Pampulha auszuführen. Diese stehen ganz frei in der Landschaft, was besonders dem Rundbau des ehemaligen Cassino, heute Museum, eine beherrschende Wirkung gibt. In Belo Horizonte kamen ab 1950 einige Gebäude nach Entwürfen von Niemeyer und fast zur gleichen Zeit auch in São Paulo grossen Bauten von ihm zur Ausführung. Niemeyers Ansehen stieg und ebenso die Zahl der an ihn vergebenen Aufträge, wenn auch andere Architekten sich mit neuen Tendenzen auszeichneten.

Das bedeutendste Ereignis im Rahmen der brasilianischen Architektur dieses Jahrhunderts sind Planung und Bau der neuen Hauptstadt Brasília gewesen. Der Plan einer Verlegung des politischen und administrativen Zentrums in das Landesinnere war nicht neu. Es bedurfte jedoch der Initiative Kubitscheks, um ihn zu verwirklichen und die neu zu errichtende Stadt in ein ebenso anzulegendes weites Netz von Strassen zur Erschliessung des Hinterlandes einzuspannen. Juscelino fand jedoch zur rechten Zeit die richtigen Leute, um mit viel Idealismus die Planung und Ausführung der gigantischen Aufgabe zu verwirklichen. 1956 wurden schliesslich sämtliche konkurrierende Pläne einer Ausschreibung beiseite gelegt und der eigentlich ausser jeder Konkurrenz stehende "Plano Piloto" von Lúcio Costa angenommen. Dieser hat eine kreuzförmige, an die Form eines Vogels mit ausbreiteten Flügeln erinnernde Grundform. Für deren Entwürfe und Ausführung wurde sogleich Oscar Niemeyer berufen, der hier eine sonst nie gebotene Möglichkeit bekam, den repräsentativen Bauten einer insgesamt neu geplanten Hauptstadt ihr Gesicht zur geben. Die spezifischen Niemeyer-Formen, mit denen er allen seinen Bauten in Brasília eigene Charakteristik verliehen hat, machten sie auch in aller Welt bekannt.

Der "Plano Piloto" hat in den ganzen Jahren seines Bestehens eine eigene vollständige Dynamik erhalten. Viele der Bewohner Brasílias sind nicht mehr Verpflanzte aus anderen Städten; es ist inzwischen in der Stadt selbst eine Generation herangewachsen, die sie als ihren Lebensraum angenommen hat. Das Werk Kubitscheks, seiner Architekten und Arbeiter gab schliesslich dem brasilianischen Einheitsgefühl ein architektonisches Zentrum und neue Impulse in der Erfassung des Gesamtraumes.

Überall ging indessen der Bau von Hochhäusern weiter. Die Fronten von Copacabana, Leblon und Ipanema, die Wohntürme an der Barra da Tijuca, immer höhere Gebäude auch im Zentrum von Rio de Janeiro wie in Santos und Guarujá, in Salvador, Recife und Fortaleza und vielen anderen Städten kennzeichnen diese Entwicklung, die jedoch nicht mehr so viel schöpferische Eigenart aufweist wie die vorhergehende Phase. Der Akzent dessen liegt nun eher auf technischem Gebiet, etwa auf dem Strassenbau und Industriezentren. Der Wohnungsbau verlor an Individualität. Es ist zu hoffen, dass Formen, die die Schönheiten der Landschaft respektieren, die künftige Bauweise bestimmen werden. Hinweise darauf fehlen nicht. Der Gartenarchitekt Roberto Burle Marx hat schon lange der Öffentlichkeit den Reichtum der brasilianischen Pflanzenwelt in seinen mit den modernen Anlagen verbundenen Gärten vor Augen geführt. Brasilien ist noch immer, nicht zuletzt vom Klima begünstigt, ein weites Feld für neue schöpferische Bauweisen.

Palácio da Alvorada - Distrito Federal
 Palácio da Alvorada - Distrito Federal

 

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