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Brasilien im Visier der Pharmaindustrie

   
     

Einnahmen in Höhe von US$ 5,75 Mrd. im Jahr 2001 unterstreichen die Bedeutung des brasilianischen Pharmamarktes. Brasilien setzt ausserdem Massstäbe im Bereich klinische Untersuchungen und ist ein bevorzugter Markt für neue Produkte.

Brasilien ist weltweit nach den USA, Deutschland und Frankreich der viertgrösste Markt für Arzneimittel. Im vergangenen Jahr wurden im Land 1,64 Mrd. Medikamentenpackungen verkauft. Auch beim Umsatz liegt die brasilianischen Pharmaindustrie vorne: Sie steht mit Einnahmen in Höhe von US$ 5,75 Mrd. im Jahr 2001 weltweit an zehnter Stelle.
So wird Brasilien denn auch von den grossen Pharmaunternehmen als wichtiger Markt angesehen: Der Verbrauchermarkt ist gross und weist ausserdem noch ein sehr hohes Wachstumspotential auf, da derzeit nur 15% der Bevölkerung - diejenigen mit einem Einkommen von mehr als zehn Mindestlöhnen - einen Anteil von 48% am Arzneimittelkonsum haben. Ein weiterer Pluspunkt ist Brasiliens Stellung als Lieferant von Medikamenten an die Nachbarländer in Südamerika.

Bedeutung des Marktes
Brasilien hat im Bereich klinische Untersuchungen und sogar bei der Produktion einiger Medikamente Massstäbe gesetzt. Auch wenn es darum geht, neue Produkte auf den Markt zu bringen, ist Brasilien ein bevorzugter Markt. An Beispielen fehlt es nicht. Altana Pharma, eine Filiale der deutschen Altana AG, hat ein vom Stammhaus bewilligtes Projekt, um in Brasilien Pantozol herzustellen - ein Medikament gegen Geschwüre und Gastritis und Flaggschiff der Altana AG im weltweiten Vertrieb.
Brasilien wird die zweite Produktionsstätte von Pantozol sein, das bisher ausschliesslich in Deutschland hergestellt wird. Die Umsätze der Exporte von Pantozol nach Brasilien belaufen sich R$ 30 Mio. im Jahr. Die inländische Produktion soll vor Ende des Jahres 2003 aufgenommen werden.  Zunächst soll der Binnenmarkt beliefert werden, später soll auch exportiert werden. "Damit fliessen Devisen nach Brasilien, die Importe gehen zurück und Arbeitsplätze werden geschaffen", erklärt David Zimath, Leiter für Unternehmensstrategie und Projekte von Altana Pharma.
Ein anderes Beispiel für die Bedeutung Brasiliens in der Pharmabranche gibt die Firma Bayer. Anfang 2003 soll Vardenafil, ein Medikament gegen Erektionsschwierigkeiten, gleichzeitig in Brasilien und den USA auf den Markt gebracht werden - also noch vor der Markteinführung in Europa. "Wir versprechen uns viel von diesem Medikament, da die Anzahl der Patienten mit Erektionsstörungen auf weltweit 150 Mio. geschätzt wird", so Sérgio Oliveira, verantwortlich für den Bereich HealthCare von Bayer in Brasilien.
"Wir werden damit einen Markt betreten, der in Brasilien Umsätze von US$ 72 Mio. aufweist und weiter wächst". Der Leiter der Pharmasparte von Bayer, João Barroca, erwartet bereits im nächsten Jahr einen Umsatzanstieg auf US$ 80 Mio. Die brasilianische Niederlassung von Bayer rechnet nach Einführung von Vardenafil mit zusätzlichen Einnahmen von US$ 15 Mio. in den ersten zwölf Monaten.

Klinische Untersuchungen
Brasilien ist für die Pharmaunternehmen nicht nur ein Absatzmarkt für neue Produkte; im Land werden ausserdem klinische Untersuchungen am Mensch durchgeführt, um die Wirkung und die Sicherheit von Arzneimitteln unter Beweis zu stellen. Im Jahr 2000 hat die brasilianische Pharmaindustrie R$ 93 Mio. in klinische Untersuchungen investiert. Für den Zeitraum 2001 bis 2005 werden R$ 515 erwartet, ein Jahresdurchschnitt von R$ 103 Mio. Die Einschätzung kommt vom Verband für Pharmaindustrie und Forschung Interfarma, in dem 26 internationale, in Brasilien tätige Unternehmen aus der Pharmaforschung vertreten sind.
Nach Ansicht von Flávio Vormittag, Präsident der Interfarma, haben die Verabschiedung des Patentrechts 1996 und eine Aktualisierung der Gesetzgebung zu klinischen Studien im selben Jahr für die brasilianische Forschung neue Perspektiven eröffnet. "Der Schutz von Patenten macht Brasilien zu einem interessanten Markt für die Forschung". Zimath von Altana führt für die zunehmenden Investitionen verschiedene Gründe an: "Die medizinische Forschungsstätten und die in der Forschung Beschäftigten verfügen über bessere Qualifikation; der brasilianische Markt ist im internationalen Vergleich sehr gross; und bei einer Einwohnerzahl von 170 Mio. stehen genügend Patienten - zu überdies geringeren Kosten - zur Verfügung".
Vormittag von der Interfarma berichtet, dass Brasilien zunehmend an sogenannten klinischen Mulitcenterstudien - Studien am Mensch, die gleichzeitig an verschiedenen Forschungsstätten weltweit durchgeführt werden - teilnimmt. Solche Studien würden im allgemeinen in verschiedenen Ländern durchgeführt, um den langwierigen und kostspieligen Vorgang zu beschleunigen. Durchschnittlich ist bei einem Medikament bis zu seiner Markteinführung mit zehn bis zwölf Jahren und Kosten von US$ 800.000 zu rechnen. "Weltweit ist es die Pharmaindustrie, die am stärksten in die Forschung investiert. Im Durchschnitt sind es 20% des Verkaufsvolumens", so der Präsident der Interfarma.
Auch bei Altana gehen 20% der weltweiten Umsätze in die Forschung. Allein in der deutschen Forschungsstätte arbeiten 500 Wissenschaftler. Zimath erzählt, dass Altana bis Mitte der 90er Jahre in Brasilien nur klinische Studien der Phase 4 - nach Zulassung des Medikaments - durchführte, während heute auch Studien der Phase 3 - vor Zulassung - recht häufig sind. Die Investitionen in die brasilianische Forschung hätten sich mehr als verdoppelt.
Bayer hat im vergangenen Jahr weltweit etwa US$ 1,5 Mrd. in Forschung und Entwicklung der HealthCare - Pharma, Consumer Care, Diagnostika und Animal Health - investiert. Sérgio Oliveira erklärt, der grösste Teil dieser Summe sei in den Pharmabereich gegangen. Die Investitionen in die Forschung würden nicht nach einzelnen Ländern katalogisiert, seien aber insgesamt steigend. "Heute nehmen wir an der gesamten internationalen klinischen Forschung teil, was vor 1994 nicht der Fall war", so der Leiter der Pharmasparte Barroca. Auch an den klinischen Studien von Vardenafil waren brasilianische Patienten und Forscher beteiligt.

Investitionen und Möglichkeiten
Eine der grössten Investitionen, die Bayer HealthCare in jüngster Zeit in Brasilien getätigt hat, war die Modernisierung der Produktionsstätte für Arzneimittel, die 1999 abgeschlossen wurde. Für US$ 25 Mio. wurde die Produktionskapazität verdoppelt. Seitdem stellt Bayer viele zuvor importierte Medikamente in Brasilien her, darunter Aspirin Protect, Aspirin Direkt und Glucobay. Auch die Exporte konnten von US$ 5 Mio. auf US$ 10 Mio. verdoppelt werden - ein Ergebnis, das ohne die Krise in Argentinien noch besser gewesen wäre.
Nach der Investition von US$ 50 Mio. in eine neue Produktionsstätte, die im Februar fertiggestellt wurde, bereitet sich auch Altana Pharma auf den Export vor. "Dafür müssen mehrere Schritte durchlaufen werden. Die brasilianischen Behörden und die Mercosur-Kommission müssen eine Überprüfung durchführen; aber ab dem ersten Quartal 2003 werden wir wahrscheinlich in die anderen Mercosur-Länder exportieren", erklärt Zimath, Leiter für Unternehmensstrategie und Projekte.
Trotz all dieser Entwicklungen wird die brasilianische Pharmabranche vermutlich einen leichten Rückgang verzeichnen müssen. In den Jahren 1994 bis 2000 hat die Branche insgesamt US$ 2 Mrd. investiert, ein Jahresdurchschnitt von US$ 285 Mio. Der brasilianische Verband der Pharmaindustrie "FEBRAFARMA" erwartet aber für den Zeitraum 2001 bis 2005 jährliche Investitionen von nur US$ 200 Mio. Dafür mach Ciro Mortella, Präsident der FEBRAFARMA, zwei Faktoren verantwortlich: die Preiskontrolle durch die Regierung und die makroökonomische Unsicherheit.
Mortella sieht aber verschiedene Chancen und Möglichkeiten für die brasilianische Arzneimittelindustrie. Zum einen bestehen gute Aussichten im Aussenhandel: die Exporte von Pharmaka sind seit 1997 um 56% gewachsen und erreichten im Jahr 2001 US$ 241 Mio. Klinische Studien werden vermehrt in Brasilien durchgeführt. Und schliesslich bestehen Expansionsmöglichkeiten in den Bereichen Generika und Phytotherapie - Arzneimittel auf pflanzlicher Basis -.

Generika
Der Markt für Generika hat bereits die Aufmerksamkeit multinationaler Unternehmen auf sich gelenkt, darunter die deutsche Firma Ratiopharm, die zur Merckle-Gruppe gehört und seit Dezember 2001 Generika in Brasilien verkauft. "Auch wenn der Anteil von Generika gering ist, ist Brasilien ein grosser und damit interessanter Markt. Ausserdem ist das Einkommen der Bevölkerung relativ gering, so dass Generika aufgrund der geringeren Kosten interessant sind", so Miduel Monzu, Leiter Marketing und Verkauf von Mepha do Brasil. In Europa sind Mepha - Markenarzneimittel - und ratiopharm - Generika - zwei verschiedene Unternehmen, in Brasilien ist Ratiopharm eine Sparte von Mepha do Brasil, die 1999 ins Land kam und bis heute Markenprodukte verkauft.
Generika wurden 1999 in Brasilien eingeführt und wiesen im vergangenen Jahr Umsätze von US$ 126,7 auf, fünf mal mehr als im Jahr 2000. Heute machen sie etwa 7% des Pharmamarktes aus. Es wird allerdings erwartet, dass sich dieser recht geringe Anteil mittelfristig auf 30% erhöht. Das entspräche US$ 1,5 Mrd.
Ratiopharm hat weltweit 287 aktive Substanzen, von denen zwei nach Brasilien importiert werden. Weitere warten auf Zulassung. In den nächsten Jahren will das Unternehmen 30 bis 35 Generika in Brasilien verkaufen. Bei einer grösseren Produktpalette wird vielleicht sogar eine eigene Produktionsstelle im Land errichtet. "Das hängt vom Verkaufvolumen ab", erklärt Monzu.
Eine weitere Sparte mit gutem Wachstumspotiental in Brasilien ist die Phytotherapie. "Dieser Bereich wächst um durchschnittlich 20% im Jahr", so Magrid Teske, Präsidentin des Brasilianischen Verbandes der Phytotherapie-Industrie "ABIFITO". Es gibt allerdings ein Problem: Phytotherapeutika werden derzeit als Nahrungsmittel oder Medikamente eingestuft, nicht aber als eine eigene Kategorie von Gesundheitsprodukten, wie es die ABIFITO verlangt. "Das schafft bürokratische Schranken, die das Wachstum des Marktes verhindern", erklärt Teske.

Auszug aus: "Brasil - Alemanha" ANO 10 N°7" - Sônia Salgueiro
Copyright © AHK-São Paulo - Câmara de Comércio e Indústria Brasil-Alemanha 2002

 

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