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Die Geschichte São Paulos ist so alt wie die
Brasiliens. Die Küstensiedlung São Vicente wurde 1532 gegründet und
war die erste dauerhafte Kolonie Portugals in der Neuen Welt. Im
Jahre 1545 glaubten die Jesuiten, auf einer Hochebene mit
fruchtbarem Boden und ausreichenden Niederschlägen, hier den
geeigneten Ort gefunden zu haben, um ihren Auftrag im Sinne des
Heiligen Paulus zu erfüllen. Die Missionsstation gab dann der Stadt
auch ihren Namen. Die strategisch günstige Lage in der Nähe eines
Passes über die Serra do Mar führte 1711 zur Stadtgründung.
Anfang des 17.Jh. bestand das kleine Dorf aus ein paar Kirchen.
Als der Sklavenhandel zunahm, wurde der Ort eine Art Hauptquartier
der "Bandeirantes",
die bei ihren Streifzügen durch das Landesinnere grosse Teile von
bis dahin unbekannten Gebieten erkundeten. Für sie war der Vertrag
von Tordesillas, durch den Südamerika zwischen Spanien und Portugal
aufgeteilt worden war, nicht mehr als eine Linie auf der Landkarte.
Sie sorgten dafür, dass sich die Grenzen des portugiesischen
Gebietes dennoch immer weiter ausdehnten.
Um das 18.Jh. herum wandten sich die Bandeirantes der Ausbeutung
von Boden schätzen zu und entdeckten in Minas Gerais, Goiás und Mato
Grosso Goldvorkommen. In dieser Zeit wurde São Paulo von einer
zunehmenden Zahl von Pionieren, Forschern und Glückssuchern auf dem
Weg ins Landesinnere als Ort für eine Pause genutzt. Auch
Zuckerhändler, die ihre Waren über den Hafen Santos verschifften,
liessen sich hier nieder.
Dies änderte sich schlagartig, als der Kaffeeanbau, der um 1850
über das Rio Paraiba-Tal die Stadt São Paulo erreichte, sich im
Hochland von São Paulo unter günstigen Klima- und Bodenbedingungen
und steigender Kaufkraft in Europa ab den 80er Jahren des 19.
Jahrhunderts flächenhaft nach Norden und Nordwesten ausdehnte. Die
systematische Verkehrserschliessung des Binnenlandes im Staate São
Paulo durch strahlenförmige, von São Paulo auf den Hochebenen
zwischen den Rio Paraná-Zuflüssen vorgetriebene Eisenbahnlinien und
die günstige Verkehrslage zum nahen Exporthafen Santos, schufen
hervorragende infrastrukturelle Voraussetzungen für den "Kaffee-Boom".
Eine gezielte Einwanderungspolitik, die vor allem Italiener ins Land
brachte, trug dazu bei, dass trotz der Sklavenbefreiung (1888) die
auf den Kaffeeplantagen benötigten Arbeitskräfte, vorhanden waren.
Zwischen 1886 und 1905 wanderten mehr als 1 Mio. Italiener ein, die
sich grossenteils auf den Paulistaner Kaffeeplantagen verdingten.
Die jährlichen Bevölkerungszuwachsraten betrugen in dieser Phase in
São Paulo bis zu 14%.
Der vom Kaffee-Export getragene wirtschaftliche Aufschwung sorgte
vor allem in der Stadt São Paulo für eine enorm starke
Kapitalakkumulation, die für die beginnende Industrialisierung eine
sehr solide finanzielle Basis bot. Die Bevölkerungszahl von São
Paulo stieg über 65.000 (1890) auf 250.000 im Jahr 1900. Auch das
durch Überproduktion und nachfolgenden Preisverfall bedingte Ende
der Kaffee-Hochkonjunktur- Ende der 1920er Jahre - konnte der
Aufstieg São Paulos nicht bremsen. Die Konsumgüterindustrie blühte
auf, und die industriellen Zuwachsraten in São Paulo erreichten in
den 20er Jahren 6,6% pro Jahr (Souza 1995). Die Stadtbevölkerung
überschritt bereits 1934 die Millionengrenze und verdoppelte sich
bis 1950.
Der sich Mitte der 50er Jahre durch umfangreiche ausländische, vor
allem auch deutsche Investitionen, verstärkende industrielle
Aufschwung führte bis 1970 bei jährlichen Zuwachsraten von
durchschnittlich 5,5% zu einer Verdreifachung der Bevölkerung im
Munizip São Paulo und in der Metropolitanregion, die 1970 bereits
auf über 8 Mio. Einwohner angewachsen war. São Paulo hatte in den
60er Jahren bereits Rio de Janeiro an Bevölkerung übertroffen und
nahm als nunmehr grösste brasilianische Metropole nach Mexico-Stadt
und Buenos Aires den dritten Rang in Lateinamerika ein.
Während in den 50er und 60er Jahren die hohen Wanderungsgewinne,
die die natürliche Bevölkerungszunahmerate weit übertrafen, den
Anstieg der Bevölkerung entscheidend beeinflussten (1950-70: 60%),
verlor dieser Faktor in den 70er Jahren an Bedeutung (1970-80: 51
%). Immerhin bedeutet dies aber, dass die Zuwanderung in den 70er
Jahren noch knapp über die Hälfte der Bevölkerungszunahme stellte,
d.h. dass 2,3 Mio. Menschen zwischen 1970 und 1980 in den
Ballungsraum São Paulo zuwanderten.
São Paulo war vor allem das Ziel von Zuwanderern aus dem Nordosten
Brasiliens, wo sowohl der trockenheitsgeplagte Sertão des ländlichen
Landesinneren als auch - in einer späteren Phase - die überfüllten
und wenig Arbeitsmöglichkeiten bietenden Küstenstädte die
Abwanderungsgebiete waren. Ziel der Binnenwanderung war zunächst der
Kaffeeanbau im südostbrasilianischen Nachbarstaat Paraná, von wo
nach Ende des dortigen Kaffeebooms seit Ausgang der 60er Jahre eine
Abwanderung vor allem auch in die Metropole São Paulo erfolgte.
Wunschziel der Migranten aus dem Nordosten, sowie später verstärkt
der aus dem Südosten, war es jedoch, bei der schnell expandierenden
Industrieentwicklung oder in der blühenden Baubranche einen
Arbeitsplatz zu finden. Seit den 80er Jahren trägt das natürliche
Wachstum deutlich mehr zum Bevölkerungszuwachs bei als die
Zuwanderung. Diese Entwicklung ist trotz abnehmender Geburtenraten
durch den hohen Anteil jüngerer Stadtbevölkerung bedingt, den die
jetzt zurückgehende Zuwanderung mit sich gebracht hatte.
In den 90er Jahren ist die jährliche Zuwachsrate der Bevölkerung
São Paulos, die seit 1973 als Grande São Paulo institutionell
verankert ist, sprunghaft zurückgegangen. Dies gilt insbesondere für
das Munizip São Paulo, dessen Bevölkerungszahl zwischen 1980 und
1994 nur um 1,16% pro Jahr zugenommen hat.
Ab den 80er Jahren zeichnet sich im Staat São Paulo eine Umkehr
der Polarisation ab. Die Grossstädte, die durch diesen Prozess
begünstigt werden, liegen zum einen in der näheren Umgebung von
Grande São Paulo, wo die Verstädterung bereits bestehender
Entwicklungsachsen in Richtung Osten (Paraiba-Tal mit São José dos
Campos und Taubaté) und Norden (Jundiaí, Metropolitanregion von
Campinas) erfolgt ist. Zum anderen betrifft dies weiter im Inneren
des Bundesstaates gelegene Zentren, wie Ribeirão Preto oder
Piracicaba.
Die Metropolitanregion São Paulo besteht heute aus einem
geschlossenen Siedlungskomplex von fast 50 km West-Ost-Erstreckung.
Die Beckenlage der Stadt São Paulo begrenzt ihre Ausdehnung vor
allem nach Norden, wo die Serra da Cantareira der weiteren
städtischen Expansion Einhalt gebietet. Im Süden begrenzen die
Stauseen und Ausläufer des Küstengebirges die weitere
Stadtentwicklung, die sich aber entlang der Autobahnen in Richtung
Santos und der Bahnlinien keilförmig bis an die Ränder des
Hochbeckens vorschiebt.
Der alte Stadtkern auf dem Terrassensporn zwischen den Bächen
Anhangabaú und Tamanduateí, die in den Rio Tietê münden, ist längst
verschwunden. Das Gebiet zwischen der Praça da Sé mit der Kathedrale
und dem Largo São Bento wurde bereits seit den 1920er Jahren völlig
von grossen öffentlichen und privaten Gebäuden überformt, von denen
das Martinelli-Hochhaus - beim Bau 1929 mit 30 Stockwerken das
höchste Gebäude Lateinamerikas - und das ehemalige Gebäude der
Staatsbank von São Paulo lange Zeit die durch die Hügellage betonte.
Die Stadt, die sich bis 1881 kaum über diesen alten Stadtkern mit
seinen unregelmässig angelegten, engen Strassen hinaus entwickelt
hatte, hat sich seither in gewaltigen Schüben vom Stadtkern nach
aussen nahezu ringförmig entwickelt (bis Ende der 40er Jahre) und
dann bis Mitte der 60er Jahre eine enorme Flächenexpansion erlebt,
mit Stosskeilen nach Westen, Osten und Südosten, wo sich in
Nachbarschaft des Munizips São Paulo hochindustrialisierte Städte
schnell entwickelten (Santo André, São Bernardo do Campo, São
Caetano do Sul: "ABC-Städte"). Die Ausdehnung der überbauten Fläche
erfolgte in den letzten 30 Jahren dann vor allem entlang der
Verkehrsachsen sowie stark zerfasert in Restflächen und räumlichen
Nischen.
In den dreissiger Jahren zählte man bereits über eine Million
Italiener, zu denen sich Hunderttausende Portugiesen, Spanier,
Deutsche und Japaner gesellten, in deren Hände heute eine starke
Wirtschaftskraft ruht. Wenn man auch noch die Einwanderer aus dem
Landesinneren, dem Nordeste, berücksichtigt, so ergibt sich aus dem
Zusammenspiel dieser ethnischen und sozialen Ursprünge ein ganz
besonderer brasilianischer Typus: der "Paulista"...
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