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Einfluss der Religionen

   
     

Brasilien ist das grösste katholische Land der Welt. Die katholische Kirche ist von der Entdeckung Brasiliens bis in die Anfänge des Kaiserreichs unter Pedro II. die einzige religiöse Institution in Brasilien gewesen. Kaiser Dom Pedro II. liess in späteren Jahren eine gewisse Religionsfreiheit zu, indem er zum Beispiel in Blumenau 1856 den Bau auch einer evangelischen Kirche erlaubte.

Nach der Vertreibung der Jesuiten 1759 durch den Markgrafen von Pombal machte sich ein wachsender Zerfall des kirchlichen und religiösen Lebens in Brasilien bemerkbar. Erst die deutschen Einwanderer haben das kirchliche Leben wieder aktiviert, und zwar durch die Gründung von Gesellenvereinen und Jugendverbänden, von Waisenhäusern und Altersheimen sowie von Krankenhäusern; dadurch wandelte sich das brasilianische Apostolat. Eine besondere Bedeutung hatte bei dieser Entwicklung das Kolpingwerk. Hinzu kam eine rege Seelsorge- und Schultätigkeit der deutschen Priester und Ordensleute.

Vom Urwaldpriester bis zum Erzbischof und Kardinal sind deutschen Namen zu finden. Nach der Unabhängigkeit Brasiliens von 1822 konnte als erster Orden mit deutschen Mitgliedern die Gesellschaft Jesu 1848 ihre Arbeit wieder aufnehmen. Vom Süden des Landes ausgehend, kamen die Jesuiten bis nach Nova Friburgo bei Rio de Janeiro. Von den 722 Jesuiten, die 1940 in Brasilien wirkten, waren die meisten deutscher Herkunft.

Ab 1855 war es den Klöstern untersagt, Novizen aufzunehmen. Erst 1891, als von der Republik verfassungsmässig die Glaubensfreiheit festgeschrieben wurde, belebten sich die brasilianischen Ordensprovinzen wieder. Unter dem Franziskaner Amandus Bahlmann (1862-1939) aus Essen trafen 1891 wieder Ordensleute in Teresópolis, Santa Catarina, ein; sie breiteten sich aus und unterhielten 1953 etwa 25 Indianermissionen.
Auch die Benediktiner aus Beuron in Sigmaringen füllten anfangs der republikanischen Zeit wieder die alten Klöster in Olinda, Salvador, Rio de Janeiro, São Paulo und in anderen Städten. Im Jahr 1939 betreuten die Salesianer, unter denen viele Deutsche waren, am oberen Amazonas 84 Siedlungen mit ca. 7.000 Indianern. Auch die Pallotiner aus Bruchsal befassten sich mit dem kirchlichen Aufbau in Mittel- und Nordbrasilien.

Dem Priesterseminar in São Leopoldo, dem grössten Brasiliens, fällt bei der Nachwuchsbildung eine bedeutende Rolle zu. Der gewaltige Einfluss des deutschen Priestertums kommt in der Anzahl der Ordensniederlassungen zum Ausdruck. 1930 gab es in Südbrasilien insgesamt 510 Ordensniederlassungen, davon 275 deutsche, 154 italienische, 30 polnische und nur 51 lusobrasilianische und andere. Der Einfluss deutscher Katholiken ist umso höher zu bewerten, als nicht einmal die Hälfte der deutschen Einwanderer katholisch waren.

Die Tätigkeit Hunderter deutscher und deutschstämmiger Ordensschwestern führte zur Einrichtung von Mädchenschulen, Kindergärten, Waisen- und Krankenhäusern. Unter den vielen Institutionen ragt das "Sanatorium Santa Catarina" in São Paulo heraus, das 1906 von Schwestern des Ordens der Heiligen Katharina von Braunsberg in Ostpreussen gegründet wurde. Das Deutsche Krankenhaus "Hospital Moinhos de Vento" in Porto Alegre wurde 1927 eröffnet und wird von evangelischen Krankenschwestern "Diakonissen" betreut.

Die evangelisch-lutherischen Einwanderer schlossen sich nach ihrer Ankunft zu Pfarrgemeinden zusammen. Der evangelische Geistliche war über die Seelsorge hinaus auch ein Berater und Vertrauensmann in allen Lebenslagen. Er war meistens gleichzeitig Lehrer, Vereinsvorsitzender, Leiter musikalischer oder literarischer Zirkel und nicht selten auch auf wirtschaftlichem Gebiet tätig, vor allem in der Landwirtschaft und im Gartenbau. Schulen, Krankenhäuser, Heime, sogar Versuchsanstalten wurden von den evangelischen Christen gebaut. Aus dem Zusammenschluss von Gemeinden entstanden die "Riograndenser Synode" in São Leopoldo, der "Evangelische Gemeindeverband von Santa Catarina und Paraná", die "Lutherische Kirche" von Santa Catarina, Paraná, São Paulo und Espírito Santo und die "Mittelbrasilianische Synode" für São Paulo, Rio de Janeiro, Minas Gerais, Espírito Santo und Bahia. 1949 wurde der "Bund der Synoden - Federação Sinodal" gegründet, der schliesslich zu der "Evangelischen Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien" führte. Diese, das ganze Land umfassende Institution betreute 1954 ca. 514.000 Christen und hatte über 96.000 Mitglieder, sie ist damit die grösste evangelische Organisation in Lateinamerika.

Pastor Hermann Dohms (1887-1956) aus Sapiranga, Rio Grande do sul, gilt als der Gründer der "Evangelischen Kirche in Brasilien". Er studierte in Deutschland und in der Schweiz. Nachdem er kurz vor dem Ersten Weltkrieg nach Brasilien zurückgekommen war, richtete er eine Ausbildungsstätte für Theologiestudenten ein, die sich vom anfänglichen "Evangelischen Proseminar" (1921) bis zur "Hochschule zur Ausbildung von Pastoren" (1946) am Zentrum des evangelisch-lutherischen Protestantismus in São Leopoldo entwickelte. Er wurde 1935 zum Präses der "Riograndenser Synode" gewählt. Später wurde er Mitglied des "Latein-Amerikanischen Komitees" und einer der Leiter des "Lutherischen Weltbundes".
Die deutsch-jüdische Gemeinde in São Paulo "Congregação Israelita Paulista - CIP" wurde 1936 vom Oberrabbiner Dr. Fritz Pinkuss (1905-1994) aus der Gegend von Magdeburg gegründet. In dieser grössten Gemeinde Lateinamerikas wird das Deutschtum - ähnlich wie in anderen vorwiegend von Immigranten aus dem deutschen Sprachraum gebildeten Gemeinden - trotz des in den 30er und 40er Jahren des 20.jh. erlittenen Leids gepflegt.
Nach einer Tätigkeit in der Deutschen Bank studierte Fritz Pinkuss am Jüdisch-Theologischen Seminar der Universität Breslau und promovierte in Würzburg. Später setzte er seine wissenschaftliche Arbeit in Berlin an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums fort und lehrte anschliessend von 1930 bis 1936 an der Universität Heidelberg. Als liberaler Rabbiner hatte er es zunächst schwer in São Paulo, wo in der jüdischen Gemeinde in den 30er Jahren noch Jiddisch gesprochen wurde. Er widmete sich zu Beginn seiner Tätigkeit als Oberrabbiner sozialen Aufgaben, unterstützte die Flüchtlinge aus Europa, speziell Deutschland, gründete einen Kindergarten und ein Studiencamp. In späteren Jahren setzte er seine wissenschaftliche Arbeit in São Paulo fort und gründete an der Universität von São Paulo - USP das Zentrum für jüdische Studien, dessen erster Direktor er wurde.


Auszug aus dem Buch: "A História Alemã do Brasil - die deutsche Geschichte Brasiliens" - Copyright © AHK-São Paulo - Câmara de Comércio e Indústria Brasil-Alemanha 2002

 

Übersicht
Zeittafel der Geschichte
Deutsche Einwanderer
Hans Staden
Dr. Blumenau
Aufbau mit Deutschen
Erste Einwanderungswelle
Zweite Einwanderungswelle
Dritte Einwanderungswelle
Handel & Transportwesen
Einwanderer in Joinville
Einfluss der Religionen
Telegraphennetz
Völkerkunde

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