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Einfluss deutscher Einwanderer bei Handel und Transport

   
     

Vor allem bei Handel und Transport findet man den massgeblichen Einfluss deutscher Einwanderer in Brasilien. Der Import aus Deutschland wurde zwar durch hohe Zollsätze von 24% beeinträchtigt; für die aus Portugal und Holland importierten Waren brauchte man nur 15% zu entrichten; und die Macht der Engländer drücke sich in Zollsätzen von 14% aus, die für die Waren aus England gezahlt wurden.

Gegenüber der Kolonialzeit, als der Handel nur über Portugal abgewickelt werden konnte, hatten sich die Import- und Exportbedingungen durch die Übersiedlung des Königshofs nach Brasilien jedoch auch für die deutschen Kaufleute verbessert, so dass an die erste Zeit der deutschen Grosskaufleute und Betreiber von Schiffahrtslinien Erasmus Schetz, Arnual von Holland und Sebald Lins im Brasilien des 16.Jh. angeknüpft werden konnte. Bereits 1812 begann die Kaffeeausfuhr durch die Brüder Wilhelm und Friedrich Fröhlich. Schon 1825 wurden 50% der brasilianischen Zucker- und Kaffeerzeugung von den Hansestädten Hamburg und Bremen aufgenommen.

Die Anzahl der deutschen Im- und Exporthäuser in Brasilien nahm rapide zu. 1875 waren sie auf 80 angewachsen und überflügelten diejenigen englischen Ursprungs. In Rio Grande do Sul gab es nicht weniger als 22 deutsche Aussenhandelsfirmen. In São Paulo begann Theodor Wille 1844 mit seiner in Santos gegründeten Firma die Einfuhr von bis dahin unbekannten Waren und Maschinen; er wurde zu einem der massgeblichen Kaffeexporteure und entwickelte dadurch den Hafen von Santos und den Kaffeeanbau São Paulos. Auch der Brandenburger Karl Hoepcke, der das grösste Handelshaus Santa Catarinas besass und die Küstenschiffahrt betrieb, importierte Maschinen. In Bahia sorgten Männer wie August Suerdieck, Gerhard Dannemann, Hermann Stoltz und andere für Verarbeitung und Export von Tabak und Kakao.
Beim Bau von Handelsstrassen in den Waldschneisen oder bei der Herstellung einer Landverbindung zwischen der Hauptstadt des Kaiserreichs und anderen Teilen Brasiliens, überall findet man deutsche Fachleute. Bei der Fernstrasse von Rio de Janeiro in den Süden Brasiliens beteiligten sich die deutschen "Kolonien" von Santa Catarina und Rio Grande do Sul. Deutsche Ingenieure waren führend an allen Strassenbauprojekten Brasiliens beteiligt.

In Nordostbrasilien war Konrad Jakob von Niemeyer in den Jahren 1817 bis 1824 tätig und baute dort Strassen, Brücken und Stauseen im Dürregebiet der damaligen Provinz Pernambuco. Er erreichte auch eine telegraphische Verbindung zwischen der Provinzhauptstadt Recife und dem Süden Pernambuco.
Julius Friedrich Köler, der Gründer der Stadt Petrópolis, musste 1837 erst eine befestigte Strasse von der Bucht von Rio de Janeiro bis in das schwierige Orgelgebirge bauen, bevor er Petrópolis anlegen konnte. Seine beschotterte Gebirgsstrasse, die nicht mehr als 6,5% Steigung aufweist und von deutschen Ingenieuren gebaut wurde, ist im In- und Ausland bestaunt worden.
Unter der Leitung von Daniel Peter Müller wurde eine Strassenverbindung von São Paulo zum Hafen von Santos geschaffen, die auch die Sümpfe von Cubatão durchquerte. Dieser bedeutende Gebirgsstrassenbau wurde von Ingenieur Karl Abraham Bresser (1804-1850) aus Krefeld in den Jahren 1837/38 ausgeführt. So mussten die Waren nicht mehr zum 400km weiten Hafen von Rio de Janeiro transportiert werden.

1861 wurde von Josef Keller aus Baden die schwierige Bergstrecke zwischen Petrópolis und Juiz de Fora in Minas Gerais fertiggestellt. Er hatte schon in Deutschland einige Grossprojekte, wie den Mannheimer Hafen, durchgeführt und fand in der Aufgabe, zusammen mit seinen Söhnen, den Ingenieuren Franz Keller-Leutinger und Ferdinand Keller, die Genugtuung, ein Werk auszuführen, welches von seinen Vorgängern als unmöglich erklärt wurde. Diese Strasse ist das grösste Strassenbauprojekt seiner Zeit, an dem bis zu 6.000 Arbeiter gleichzeitig tätig waren. Selbst in Europa gab es damals keine gleichwertige makadamisierte Strasse. Tiroler Handwerker, die Zimmer-, Stein- und Schmiedearbeiten durchführten, siedelten sich anschliessend in Juiz de Fora an. Die Strasse wurde in den folgenden Jahren von Heinrich Wilhelm Ferdinand Halfeld, dem Gründer von Juiz de Fora, bis zur damaligen Provinzhauptstadt von Minas Gerais, Ouro Preto, weitere 250km fortgeführt.

Bis 1874 wurde von Ingenieur Gottlieb Wieland in Paraná die "Graciosa-Strasse" fertiggestellt. Sie überwand technische Schwierigkeiten, die sich mit der Strasse Petrópolis - Juiz de Fora durchaus messen konnten. An steilen Küstenhängen mussten Stützmauern und Brücken errichtet werden. Diese Strassenverbindung Curitiba mit dem Hafen Parangaguá brachte der Wirtschaft des heutigen Bundesstaates Paraná einen enormen Aufschwung.
Auch zwischen dem Hochland und der Küste von Santa Catarina war ein breiter Urwaldgürtel zu überwinden. Blumenau und Lages war nur mit einem Saumpfad verbunden, den Emil Odebrecht, der an der Universität Greifwald studiert hatte, baute; zu einer Strasse wurde er erst 1879 ausgebaut.
Wie in Paraná wurde auch in Santa Catarina auf diesen neuen Strassen das "Grüne Gold", der Erva-Mate-Tee, von den Anbaugebieten im Landesinnern zu den Häfen transportiert. Überall in den Ortschaften traf man deutsche Wagenbauer, die bedeutende Betriebe gründeten. In Rio de Janeiro waren seit 1850 die Gebrüder Röbe tätig, die als erste eine serienmässige Herstellung von Transportwagen und Kutschen betrieben. Später kam dann noch die Fertigung von Strassenbahn-Eisenbahnwagen dazu.
Eisenbahnverbindungen waren wegen der verhältnismässig steilen Berge an der Küste sehr teure Unternehmungen. Trotzdem hat sich der Deutsche Friedrich Fomm (1793-1847), ein Kaufmann in Santos, der aus Hückeswagen bei Düsseldorf stammte, die erste Konzession einer Eisenbahnlinie Santos - sao Paulo - Campinas ausstellen lassen. Aus finanziellen Gründen wurde das Projekt jedoch nicht ausgeführt. Den Erfolg konnte deshalb die englische "sao Paulo Railway" verbuchen, die diese Strecke 1865 bis Jundiaí ausbaute. Bei diesen und weiteren Bahnprojekten waren immer auch deutsche Ingenieure dabei. Besonders viele deutsche Ingenieure waren am Bau der Sorocabana-Bahn beteiligt, die auf Betreiben von Ludwig Matthäus Mailasky, Vicomte von Sapucaí, entstand.
Eine historische Strecke, die von Franz Keller-Leutinger und seinem Vater 1867/68 entworfen wurde, ist die 366km lange Eisenbahnlinie "Madeira-Mamoré, die die Stromschnellen des Madeira-Flusses überwand und die Verbindung mit Bolivien herstellte.
Als Höhepunkt des Eisenbahnbaues muss die schönste und schwierigste Strecke Curitiba - Paranaguá angesehen werden. Sie überwindet 1.000m Höhe in zahlreichen Kunstbauten, Tunnels, Viadukten, Stützmauern und Dämmen ohne Drahtseil oder Zahnrad. Der erste Ingenieur dieses Baus war Wilhelm Benjamin Weinschenk (1847-1921).

Die Dampfschiffahrt entwickelte sich ab 1819, als Felisberto Caldeira Brant, der Markgraf von Barbacena, das erste Dampfschiff nach Brasilien brachte. Der Frachtbootsverkehr zwischen den Orten Pelotas und Rio Grande in der damaligen Provinz Rio Grande do Sul wurde von den Brüdern Valentin, Anton, Karl und Jakob Diehl 1832 auf Dampfschiffe umgestellt. Der aus Deutschland importierte Flussdampfer "Liberal" wurde von diesen Rheinländern eingesetzt. Josef Becker brachte 1853 zwei Flussdampfer na h Rio Grande do Sul. Er war Mitinhaber einer Eisengiesserei in Brasilien. Sein Bruder Jakob Becker (Dampfer-Becker) fuhr 42 Jahre mit seinen Dampfern auf den Flüssen im Süden Brasiliens.
In Santa Catarina fuhr die "Companhia Fluvial" 1879 mit dem Dampfer "Progresso" auf dem Rio Itajaí unter Leitung von Louis Sachtleben. In São Paulo erwarb der Kaffeepflanzer Johann Ludwig Hermann Bruhns (in Brasilien bekannt als Ivão Luis Germano Bruhns) aus Lübeck 1873 die Konzession für eine Schiffahrtslinie auf den Tietê- und Tiracicaba-Flüssen. Aufgrund seiner Beziehungen zu Kaiser Pedro II. wurde er zu einem erfolgreichen Geschäftsmann und konnte seine Gesellschaft, die Cia. Fluvial Paulista, ausbauen. Nach dem Tod seiner brasilianischen Frau kehrte er nach Deutschland zurück; seine Tochter Julia da Silva Bruhns ("Dodo") heiratete den Vater von Thomas Mann.

Auf den Flüssen sao Francisco und Rio das Velhas in Minas Gerais begründete 1834 der Hamburger Wilhelm Koepke die Schiffahrt. Auf dem Amazonas organisierte Karl Josef Senger aus Santo Amaro bei sao Paulo die Flusschiffahrt mit einer Gesellschaft, die von Irineu Evangelista de Souza, Baron von Mauá, gegründet wurde.
Auch die Küstenschiffahrt war von grosser Bedeutung und wurde ab 1838 betrieben. Deutsche wie Karl Hoepcke sind daran massgeblich beteiligt gewesen. Schon 1825 wurde in Santos das erste brasilianische Kanonenboot zur Küstenwache auf einer Werft von Fregattenkapitän Karl Lorenz Dankwardt gebaut. Damit wurde eine wirtschaftliche Aktivität fortgesetzt, die mit Kasper Werneck 1668 bereits begonnen hatte.


Auszug aus dem Buch: "A História Alemã do Brasil - die deutsche Geschichte Brasiliens" - Copyright © AHK-São Paulo - Câmara de Comércio e Indústria Brasil-Alemanha 2002

 

Übersicht
Zeittafel der Geschichte
Deutsche Einwanderer
Hans Staden
Dr. Blumenau
Aufbau mit Deutschen
Erste Einwanderungswelle
Zweite Einwanderungswelle
Dritte Einwanderungswelle
Handel & Transportwesen
Einwanderer in Joinville
Einfluss der Religionen
Telegraphennetz
Völkerkunde

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