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Deutscher Beitrag zum Aufbau der brasilianischen Nation

   
     

Mit der Übersiedlung des portugiesischen Königshofs nach Brasilien aufgrund der napoleonischen Kriege begann die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des Landes. Das generelle Verbot der Herstellung von Produkten, die aus dem Mutterland bezogen werden konnten, wurde aufgehoben, Fachleute wurden jetzt nach Brasilien geholt.

Um die Wende vom 18. zum 19.Jh. waren in Portugal verschiedene deutsche Offiziere und Unternehmer tätig. Sie kamen mit dem Königshof nach Brasilien und waren gleich zu Beginn der neuen Entwicklung Brasiliens zugegen, ähnlich wie zur Zeit der Entdeckung des Landes 300 Jahre vorher, als der "Nautiker" Meister Johann und die Soldaten der deutschen Garnison in Lissabon dabei waren.

Die vereinzelt von deutschen Einwanderern und Missionaren inoffiziell produzierten Werke früherer Jahre, die als Pioniertaten anzusehen sind, wie z.B. der Bau des ersten brasilianischen Schiffes 1668 durch Kasper Werneck und der Druck des ersten Buchs auf brasilianischen Boden 1705 durch Eusebius Nierenberg, wurden jetzt von deutschen Unternehmern auf einer höheren Ebene systematisch fabriziert.

Auch deutsche Forscher und Künstler wurden nun - vor allem im Zusammenhang mit der Ankunft von Erzherzogin Leopoldine in Brasilien - in grösserer Zahl ins Land geholt. Einwanderer aus deutschen Ländern wurden in dieser Zeit offiziell angeworben und kamen erstmals in Gruppen organisiert nach Brasilien.

Aufbau des Staates
Die beiden Deutschen Johann Karl August von Oeynhausen und Daniel Peter Müller trugen an der Spitze der Provisorischen Regierung von São Paulo entscheidend zur Festigung der nationalen Einheit Brasiliens bei. Als einzige damalige Provinz stellte sich São Paulo unter ihrer Führung eindeutig hinter den Prinzregenten Dom Pedro, als es zum Bruch mit Portugal kam. Zusammen mit Erzherzogin Leopoldine waren sie Wegbereiter des Kaiserreichs Brasilien.
Johann Karl August von Oeynhausen (1776-1838) war der Sohn des westfälischen Grafen Karl August von Oeynhausen, der in Portugal Generalinspekteur der Infanterie war. In Portugal wurde Johann Karl August von Oeynhausen Adjutant des Prinzen Christian von Waldeck und dann des Grafen von der Goltz, des Oberbefehlshabers des portugiesischen Heeres. Dieser schickte ihn 1803 nach Brasilien. Dort wirkte er bis 1806 als Stadthalter der damaligen Provinz Ceará. Er führte dort die Schutzimpfung gegen Pocken ein. Später ernannte ihn Kaiser Dom Pedro I. zum Markgrafen von Aracati, einer Stadt in Ceará.
Während seiner darauf folgenden Amtszeit in der damaligen Provinz Mato Grosso (ab 1806), wo er in 11 Jahren als Stadthalter die Verwaltung organisierte, die Hauptstadt vom Fieberverseuchten Vila Bela nach Cuiabá verlegte und die Grundlagen der Wirtschaft verbesserte, bewies er seine staatsmännischen Fähigkeiten. Auf einer Expeditionsreise, bei der er die Isolierung der Provinz zu durchbrechen versuchte, entdeckte er die Flüsse Arinos und Tapajós sowie ihre Verbindung zum Amazonas. Dadurch war eine direkte Wasserstrasse zur Provinz Pará hergestellt.
1818 wurde von Oeynhausen zum Stadthalter der damaligen Provinz São Paulo ernannt. Hier modernisierte er die vernachlässigte Verwaltung, führte ebenfalls die Pockenimpfung ein und verbesserte die Aussätzigenfürsorge.
Sein Freund Daniel Peter Müller (1779-1842) entstammte einer Akademikerfamilie. Der Vater, Johann Wilhelm Christian Müller aus Göttingen, wurde 1772 zum Pastor der deutsch-evangelischen Gemeinde in Lissabon ernannt. Deshalb hat der junge Daniel Peter Müller das Lissabonner Adelskolleg besucht und dort die Militärlaufbahn begonnen. Er kam 1802 als Ingenieuroffizier nach São Paulo, wo er von Johann Karl August von Oeynhausen zum Generalinspektor des Strassenbauwesens ernannt wurde. 1814 gründete Müller eine Waffenschmiede in São Paulo. 1815 liess er geographische und topographische Karten der damaligen Provinz São Paulo anfertigen, die in Paris 1837 als erste Karten São Paulos gestochen wurden. 1838 veröffentlichte er einen Überblick über die Zustände in São Paulo; daher gilt er als "Vater der brasilianischen Statistik". Daniel Peter Müller war auch Gründer und erster Leiter des topographischen Instituts von São Paulo zur Ingenieurausbildung für den Strassenbau, dem Vorläufer der Technischen Hochschule - heute "Politécnia" der Universidade de São Paulo - USP.

Wirtschaft und Hüttenwesen
Schon König Johann VI. erkannte die Notwendigkeit einer Unternehmertätigkeit für Brasilien und förderte das Heranziehen ausländischer Fachkräfte zur Entfaltung der Wirtschaft, was während der Kolonialzeit nicht möglich gewesen war.
Vor allem deutsche Handwerker, auch solche, die sich unter den entlassenen Soldaten befanden, gründeten die ersten Handwerksbetriebe Brasiliens und weiteten sie teilweise zu Manufakturen aus. Das Beispiel São Leopoldo in Rio Grande do Sul war bei dieser Entwicklung wegweisend. São Leopoldo wirkte als Multiplikator. Bereits 1854 waren über 6.000 Handwerker aus dieser Stadt in die Umgebung abgewandert und richteten dort neue Betriebe ein.
In Rio de Janeiro baute ein Deutscher die ersten Klaviere. 1824 wurden in Cabo Frio, nördlich von Rio de Janeiro, die Salinen von einem deutschen Offizier wieder in Betrieb genommen, sie entwickelten sich zum grössten Unternehmen dieser Art in Brasilien. Ludwig Rau legte bereits 1829 die erste Gerberei Brasiliens in Novo Hamburgo an, der heutigen Hauptstadt der Schuhe im Bundesstaat Rio Grande do Sul.
1828 gründete der Hamburger Friedrich Bonne in Bahia eine Hutfabrik. In Rio Grande do Sul wurde während der Farrapen-Revolution ein gleichartiges, sehr erfolgreiches Unternehmen von einem Deutschen errichtet. Auch in São Paulo wurde 1835 eine deutsche Hutfertigung eröffnet.
Die eigenständige wirtschaftliche Entwicklung der Manufakturen und industriellen Betriebe in Brasilien ist eng mit der Eisenverhüttung verbunden; denn die Hüttenwerke liefern das Material für die Investitionsgüter der Produktionsprozesse. Die Verhüttung von Eisen kam mit der Übersiedlung des portugiesischen Königshofs nach Brasilien, in dessen Gefolge deutsche Bergbau- und Hüttenfachleute einwanderten.
Friedrich Ludwig Wilhelm Varnhagen (1783-1842) führte in dem von ihm 1811 Mitgegründeten Eisenwerk "São João de Ipanema" ab 1815 die moderne Verhüttungstechnik ein. Er wurde in Wetterburg bei Arolsen (Waldeck) geboren. Als Hütten- und Bergbaufachmann trat er in portugiesische Dienste, von wo er 1809 dem Prinzregenten Johann nach Brasilien folgte. Seine erste Aufgabe, die Untersuchung der Verwendbarkeit der Eisenerzfunde in Sorocaba, 70km südlich von São Paulo, führte zur Gründung seines Eisenwerkes. 1818 wurde nach einigen schwierigen Jahren der erste Hochofen Brasiliens unter der Leitung Varnhagens gebaut. Die Eisenversorgung São Paulos wurde bis 1896 hauptsächlich von Ipanema aus vorgenommen.
Schon 1814 hatte Daniel Peter Müller in sao Paulo die erste Waffenschmiede Brasiliens errichtet. Diese wurde von Fachleuten aus der Potsdamer Waffenfabrik betrieben. Mit dem Rohmaterial, das die Hütte von Ipanema in der Nähe der Stadt Sorocaba lieferte, wurden auch zivile Gebrauchsgegenstände gefertigt.
1819 erzeugte Dr.Rochus Schüch zum ersten Mal in Brasilien Eisenblech in seiner Fabrik in Tabira do Mato Dentro, Minas Gerais.

Eisenwerk São João de Ipanema um 1870 (Foto von Marc Ferrez)

Auszug aus dem Buch: "A História Alemã do Brasil - die deutsche Geschichte Brasiliens" - Copyright © AHK-São Paulo - Câmara de Comércio e Indústria Brasil-Alemanha 2002

 

Übersicht
Zeittafel der Geschichte
Deutsche Einwanderer
Hans Staden
Dr. Blumenau
Aufbau mit Deutschen
Erste Einwanderungswelle
Zweite Einwanderungswelle
Dritte Einwanderungswelle
Handel & Transportwesen
Einwanderer in Joinville
Einfluss der Religionen
Telegraphennetz
Völkerkunde

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